Turiya singt

Dreistündiger Sonntagspaziergang mit M. Das Gespräch dreht sich wie immer um unsere neuesten Hip-Hop-(Wieder-)Entdeckungen, aber auch um aktuelle gesellschaftliche Diskurse. M. ist Kultursoziologe und ein guter Freund; unsere ausufernden Spaziergänge sind seit Beginn des ersten Lockdowns eine Tradition, an der wir festhalten werden. Beim Gehen denkt es sich einfach besser. Das fand übrigens auch Brian Eno, der 1995 in seinem Tagebuch festhielt:

„Generell zieht es mich hin zum Weniger: Weniger shoppen, weniger essen, weniger trinken, weniger verschwenden, weniger nach den Regeln spielen und nach Rezepten kochen. Statt alldem möchte ich mehr auf den Beinen sein beim Denken, mehr Improvisation, mehr Überraschungen, mehr Gelächter.“

Den Abend mit Alice Coltranes rituellen Liedern verbracht. Ihr Spätwerk, das vor allem hinduistische Gesänge enthält, nahm sie in ihrem kalifornischen Aschram auf, in den sie sich nach ihrem Abschied aus der Musikindustrie zurückgezogen hatte. In den spirituellen Sanskrit-Gesängen geht es oftmals um die Praxis des Nicht-Anhaftens; es sind Texte aus den Veden oder der Bhagavad Gita. Mit “Kirtan: Turiya Sings” wurde soeben eine alternative, reduzierte Version einer ihrer stärksten Aschram-Kassetten von 1981 veröffentlicht.

Ihr Aschram in Agoura Hills in den Santa Monica Mountains, eine knappe Autostunde nordwestlich von Downtown Los Angeles, brannte bei den kalifornischen Waldbränden 2018 bis auf die Grundmauern nieder.

Berlin, 18.7.2021