Things Fall Apart

In einem DJ-Mix entdecke ich am Vormittag ein Stück, das mir gefällt. Zu meinem Glück wird es in den Kommentaren identifiziert: “Left Hand, Right Mind” von einem gewissen piekoz. Es stammt von dem Album “NarrativeStructurez“, das im Jahr 2002 veröffentlicht wurde, unabhängig und im Eigenvertrieb. Discogs weiß, dass piekoz der Künstlername eines gewissen David M. Piekos war, der – wie ich – 1977 geboren wurde und offenbar im Jahr 2013 gestorben ist, also nur 36 Jahre alt wurde. Sein Grab befindet sich in Portland, Maine, aber er scheint zeitweilig auch in Boston gelebt zu haben.

piekoz’ Debütalbum ist ein herrlich verspieltes, melancholisches, nicht zu tristes Stück Musik zwischen Trip-Hop, Indie und IDM, perfekt für einen Herbstsonntag wie diesen. Auf Spotify hat kein einziges Stück bislang 1.000 Streams erreicht; der Künstler hat derzeit genau 3 monatliche Hörer*innen. Während ich “NarrativeStructurez” höre, lese ich Einträge in digitale Kondolenzbücher. piekoz scheint ein angenehmer Mensch gewesen zu sein, dem Musik äußerst wichtig war, Berühmtheit jedoch nicht. Freund*innen erinnern sich an einen meinungsstarken Individualisten, mit dem man nächtelang trinken, diskutieren und Musik hören konnte; ein früherer Arbeitskollege beschreibt ihn als wahren Nerd, der viele überraschende Fakten kannte, etwa dass das The-Roots-Album “Things Fall Apart” in der Erscheinungswoche 1999 mehr Einheiten verkauft habe als Eminems “Slim Shady LP”.

Ich denke daran, was Menschen hinterlassen, wenn sie sterben. Das Bild, das sich andere von uns gemacht haben, aber auch das Bild, das im Internet von uns bleibt. Wir haben über beides nur wenig Kontrolle. piekoz hat immerhin zwei Alben produziert, aber was zählt das, wenn sie niemand mehr hört? Ich freue mich, dass ich an diesem Herbstsonntag zufällig auf seine Musik gestoßen bin. “Left Hand, Right Mind” kommt in meine Playlist für die nächsten Wochen.

Am Nachmittag sitzt die ganze Familie im Wohnzimmer. In der Wohnung herrscht vollkommene Stille, nur von draußen schallen die Rufe spielender Kinder herein. Wir lesen und dösen, der Hund schläft. In ihrem Klassiker “Quiet” beschreibt die Autorin Susan Cain ihre schönsten Familienerinnerungen in ganz ähnlicher Weise. Ich lese “Weisheit des ungesicherten Lebens” von Alan Watts und finde Ruhe in der Gewissheit, dass nichts bleibt und unsere Erinnerungen auch nur Gedanken sind.

Berlin, 3.10.2021