Megahertz

Eine der intensivsten Arbeitswochen des Jahres geht zu Ende. Mentale Vorbereitung auf zwei Wochen Auszeit.

Am Abend höre ich nach langer Zeit mal wieder “I Trawl The Megahertz“, das 22-minütige Meisterwerk von Paddy McAloon, dem Sänger und Songwriter von Prefab Sprout. Ein Algorithmus hatte mir den Song vor einigen Jahren in die Rotation gespült, und ich war merkwürdig fasziniert von den melancholischen Broadway-Streichern und den poetischen Erinnerungsfetzen, die von der Protagonistin lakonisch vorgetragen wurden.

“I said: Your daddy loves you very much, he just doesn’t want to live with us anymore.”

“Twelve days in Paris, and I’m awaiting for life to start.”

“Repeat after me: Happiness is only a habit.”

“Tell the stars I’m coming, make them leave a space for me.”

Diese Sätze brannten sich ein, und heute kommt mir in unregelmäßigen Abständen einer davon in den Sinn, ganz ohne dass ich das Stück gehört hätte.

McAloon schrieb “I Trawl The Megahertz” in einer Zeit, als er wegen einer Augenoperation nahezu blind war und unter Schlaflosigkeit litt. Um sich abzulenken, hörte er nächtelang Talkradiosendungen. Aus den Lebensgeschichten der Anrufer*innen collagierte er einen Text, den er schließlich von einer amerikanischen Investmentbankerin vorlesen ließ und mit Streichern untermalte, die von seinen Lieblingskomponisten Débussy und Ravel beeinflusst waren.

Die wichtigsten Musikstücke sind diejenigen, die einen am Anfang eher irritieren als mitreißen. Ich wusste mit dem Song zunächst wenig anzufangen, auch wenn er mich auf unbestimmte Weise faszinierte. Ich hörte ihn am selben Tag noch einmal an und kehrte in den folgenden Wochen immer wieder zu ihm zurück. Heute gehört “I Trawl The Megahertz” zu jenen Stücken, die ich wegen ihrer ausufernden Länge zwar nicht besonders oft anhöre, aber doch um so mehr liebe, wenn ich mir die Zeit einmal nehme.

Berlin, 30.7.2021