T. und Tony

Mittags mit dem Fahrrad nach Friedrichshain, um T. in einem vietnamesischen Restaurant zu treffen. Sie bestellt Curry, ich eine Pho, und wir beide jeweils ein Glas von etwas, das in der Karte als “Green Health Drink” beworben wird, vier Euro achtzig kostet und im Wesentlichen aus Gurke, Spinat und Apfelsaft besteht.

Ich dachte ja immer, dass ich T. seit ihrem Redaktionspraktikum in einem Medienkonzern kenne, bei dem ich kurzzeitig als freier Berater beschäftigt war. Heute erinnert sie mich daran, dass wir uns schon ein paar Monate länger kennen, nämlich seit einer Listeningsession in den Berliner Red Bull Studios, wo ich vor gut fünf Jahren ein Projekt betreute, das den deutsch-nigerianischen Rapper Megaloh mit dem legendären Afrobeat-Drummer Tony Allen zusammenbrachte.

Uns war damals im Vorwege signalisiert worden, dass Tony, der mit dem Flugzeug aus Paris kam, eine bestimmte Whiskeysorte besonders schätzen würde, so dass wir ein paar Flaschen davon im Studio vorrätig hielten. Tatsächlich zeigte sich Tony – vielleicht auch wegen des Whiskeys – von seiner umgänglichsten Seite. Während der drei Tage, die wir gemeinsam im Studio verbrachten, erwischte ich mich immer wieder, wie ich breit grinsend mit dem Kopf nickte und dachte: Da drüben sitzt Tony Allen, der auf nahezu allen Fela-Kuti-Alben gespielt und den Afrobeat erfunden hat. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir, wie er mit Mitte 70 immer noch den Ton im Studio angab und allen anderen anwesenden Musiker*innen punktgenaue Ansagen machte. Ein paar Jahre später sah ich ihn noch einmal, diesmal bei einem Konzert zusammen mit Jeff Mills im Funkhaus. Zu diesem Zeitpunkt war er schon nicht mehr wirklich in Top-Form, aber dennoch war es ein Ereignis, die beiden Pioniere gemeinsam auf der Bühne zu erleben. Im letzten Jahr ist Tony leider mit 79 Jahren gestorben.

Solche Erinnerungen holte das Gespräch mit T. jedenfalls hervor, als wir bei frischen 14 Grad und mittelstarkem Wind draußen saßen, in Friedrichshain beim Vietnamesen, und unser grünes Gesundheitsgetränk tranken. Es ist immer eine große Freude, mit T. zu sprechen, auch wenn wir uns vielleicht nur zweimal im Jahr sehen. Als ich wieder auf dem Rad saß, auf dem Rückweg nach Hause, die Landsberger Allee rauf und an den alten DDR-Hotelburgen vorbei, erfasste mich eine große Dankbarkeit – sowohl darüber, T. meine Freundin nennen zu dürfen, als auch darüber, Tony Allen noch zu Lebzeiten im Studio erlebt zu haben.

Abends wieder mit den “Cassette Memories” von Aki Onda beschäftigt. Ich weiß noch nicht genau warum, aber diese Tape-Loops machen etwas ähnliches mit mir wie William Basinskis “Disintegration Loops”, als ich sie zum ersten Mal gehört habe. Ich glaube, viele Menschen würden diese Kompositionen nicht einmal als Musik erkennen. Doch was unterscheidet eigentlich Musik vom reinen Geräusch außer eine willkürliche Bewertung unseres Geistes? John Cage befand schon vor 50 Jahren, man solle keine Klänge diskriminieren, und tatsächlich kann ich in diesen collagierten Soundfetzen aus lange vergangenen Momenten genau so viel emotionale Tiefe finden wie in jedem anderen, klassisch komponierten Stück Musik.

Berlin, 24.9.2021