Sexbeat 2021

Morgens Videocall mit N. in Australien. Wir sind in der gleichen Gegend aufgewachsen und auf dasselbe Gymnasium gegangen. Damals kannten wir uns noch nicht, denn sie ist ein paar Jahre jünger, was in der Schulzeit noch schwer wiegt. Wir haben uns erst vor einigen Jahren durch die Arbeit kennengelernt und auf Anhieb verstanden. Heute lebt sie in Sydney, ich in Berlin, und beide arbeiten wir in der Musikindustrie.

Ich muss an Diedrich Diederichsen denken und seine alte Theorie von den Hipstern und den Hip-Intellektuellen, die er in “Sexbeat” (1985) aufgestellt hat. Nach dieser Theorie teilen sich die Bewohner*innen von Bohemia, dem Reich der Subkultur, seit den 1970er Jahren in zwei Lager, eben Hipster und Hip-Intellektuelle. (Diederichsen bezieht sich hier auf den ursprünglichen, nicht-pejorativen Begriff des Hipsters, wie er seit den 1940er Jahren verwendet wurde.) Dabei sind Großstadtkinder vor allem diejenigen, die Subkultur aktiv vorantreiben, indem sie Künstler*innen, Produzent*innen oder DJs werden, während die Provinzkinder (wie ich) aufgrund ihrer Distanz zu den Zentren der Subkultur stets eine Beobachterposition einnehmen, die sie dazu prädestiniert, Journalist*innen zu werden – oder eben Labels zu betreiben, Künstler*innen zu managen, Platten zu promoten, Events zu veranstalten, also all das zu tun, was ich in meinem Leben so getan habe. Natürlich zählen hierzu auch Akademiker*innen und Popkulturforscher*innen, und tatsächlich stammen alle, die ich kenne, ebenfalls aus der Provinz oder zumindest aus kleineren Städten ohne eigene subkulturelle Szene.

Ich habe nie den Drang verspürt, selbst künstlerisch tätig zu werden, abgesehen vom (journalistischen) Schreiben und Auflegen, doch letztlich sind das ja klare Second-Order-Tätigkeiten, die mit dem künstlerischen Material arbeiten, das andere erschaffen haben. Vor ein paar Wochen las ich ein Interview mit Yasiin Bey, in dem er sinngemäß sagte: “Alle, die Musik wirklich lieben, machen früher oder später selbst Musik.” Ich möchte Yasiin Bey, so sehr ich ihn schätze, an dieser Stelle widersprechen. Gerade weil ich Musik so sehr liebe, habe ich mein berufliches Schaffen der Dokumentation und der Förderung von Musik gewidmet, anstatt die ohnehin schon volle Musiklandschaft mit meiner eigenen Musik noch weiter vollzustellen.

Diederichsen hatte recht, auch wenn ich den Begriff des “Hip-Intellektuellen” immer latent peinlich fand: Bis heute stehen Menschen wie N. und ich staunend am Rand, anstatt selbst ins Rampenlicht zu drängen. Introvertiert wie wir nun mal sind, gefällt es uns hier ganz gut. Und ich gedenke auch nicht, daran etwas zu ändern.

Berlin, 6.9.2021