Kein Reisender

Vormittags in der Bibliothek: “Das tibetische Buch vom Leben und Sterben” von Sogyal Rinpoche und “Die Weisheit des ungesicherten Lebens” von Alan Watts ausgeliehen. Die Stadtteilbibliothek ist nicht besonders gut sortiert, aber ich nutze den Lieferservice innerhalb des Bibliothekenverbunds: Aus jeder anderen Bibliothek kann man sich für einen Euro jedes Buch liefern lassen. Bibliotheken sind für mich generell angenehme Orte; in dem Plattenbauviertel, in dessen Nähe ich wohne, ist es vor allem ein Ort, an dem Jugendliche im Internet surfen.

M. schickt Fotos aus Neapel, wo er sich jedes Jahr zum Ende des hiesigen Sommers aufhält. Angeblich soll es nächste Woche auch hier noch einmal warm werden. C. und ich erinnern uns an unsere erste Verabredung vor bald fünf Jahren, an einem ungewöhnlich heißen Tag mitten im September. Nur wenige Wochen später standen wir bei eiskaltem Wind auf dem Deck der Stena Line in Richtung Göteborg. Kurz darauf flog ich beruflich nach Kuba, und ein paar Monate später reisten wir zusammen durch Japan.

Ein Kollege beschwerte sich heute ironisch darüber, dass er in der Pandemie seinen Diamantstatus bei einer großen Fluggesellschaft eingebüßt habe. Ich denke momentan viel daran, wieviel ich bis vor eineinhalb Jahren gereist bin. Seit März 2020 ist meine Reiseaktivät komplett zum Erliegen gekommen. Die Erkenntnis, dass jede Form von Anhaftung Schmerz und Leiden verursacht – auch und gerade die Anhaftung an Lebensweisen oder Gewohnheiten, die man lieb gewonnen hat.

Die Vorstellung, ein Reisender zu sein, ist eben auch nur das: Eine Vorstellung, die man irrigerweise zu einem wesentlichen Teil der eigenen Persönlichkeit und einer vermeintlich starren “Identität” erhebt. Ein Reisender, der nicht reisen kann, muss naturgemäß unglücklich sein. Ich habe ganz offensichtlich aufgehört, ein Reisender zu sein.

Berlin, 2.9.2021