Raver

Der britische Bedroom-Producer Joy Orbison veröffentlichte am Freitag sein erstes Mixtape, “still slipping vol. 1“. Sofort zog mich neben der Musik auch das Coverfoto in seinen Bann. Ich wollte wissen, wer diese blonde, mittelalte Frau ist, die dort so gedankenversunken an ihrer Zigarette zieht. In einem Social-Media-Post zur Veröffentlichung fand ich die Antwort. Hier schreibt Joy Orbison:

“the cover star is my amazing cousin Leighann who introduced me to jungle, d’n’b & uk garage at a young age. without her I wouldn’t be doing what I do today.”

Auch ich habe eine ältere Cousine. Ich war etwa zehn Jahre alt, als ich in ihrem Jugendzimmer ihre Sammlung von Mixtapes entdeckte, die sie mit einem Radiorekorder aufgenommen hatte: Die Kassetten waren mit “Disco” und einer fortlaufenden Nummer betitelt, akribisch hatte sie auf der Hülle jeden Songtitel und jede*n Künstler*in notiert. Bei jedem Besuch durfte ich mir ein paar dieser Tapes ausleihen, um sie zu Hause zu kopieren; darauf befand sich ein wilder Stilmix aus dem Synthie-Pop der 1980er Jahre – meine Cousine war ein riesiger Depeche-Mode-Fan –, frühem House und Garage, Funk und Boogie, Freestyle Music und sogar Hip-Hop. Für meine musikalische Sozialisation waren diese Kassetten unendlich wichtig.

Ein geistesverwandter Kollege von Joy Orbison, nämlich Will Bevan alias Burial, hat mal in einem Interview erzählt, dass ihn sein großer Bruder mit UK-Clubmusik angefixt habe: Der sei stets mitten in der Nacht von irgendwelchen Raves nach Hause gekommen, für die er, Will, natürlich noch viel zu jung war. Der Bruder habe Tapes von diesen Raves mitgebracht; später habe er, Will, damit begonnen, eigene Tapes aufzunehmen, hauptsächlich um seinen Bruder und dessen Freunde zu beeindrucken – obwohl sie das Nachtleben und die Musik ihrer Jugend längst hinter sich gelassen hatten. Will aber fühlte die Verantwortung, die Fackel der Subkultur für sie hochzuhalten.

Ich finde die Vorstellung faszinierend, dass es in britischen Kleinstädten irgendwelche Automechaniker und Versicherungsangestellten jenseits der 40 gibt, die ein Metalheadz-Tattoo aus ihrer Jugend unter dem Hemd versteckt tragen, die vielleicht einmal Raver oder DJs waren oder sogar auf ihrem Pentium-PC den einen oder anderen Tune produziert haben und diese magische Zeit gedanklich in Ehren halten, auch wenn sie mit ihrem Leben längst weitergemacht haben. Ich bin sehr anfällig für diese Form der Romantisierung von Subkultur. Vielleicht, weil ich auf eine bestimmte Art nie aufgehört habe, dieser zehnjährige Junge zu sein, der sich begeistert über die Tape-Sammlung seiner Cousine hermacht.

In Hohenschönhausen sah ich neulich einen Straßenarbeiter in einem völlig verwaschenen Low-Spirit-Shirt. Am liebsten wollte ich ihm zurufen: We’ll never stop living this way. Stattdessen lächelte ich ihm im Vorbeigehen einfach nur zu.

Berlin, 15.8.2021