Onada

Muss immer wieder an Hiroo Onada denken, die Hauptfigur in Werner Herzogs neuem Roman “Das Dämmern der Welt”. Noch 30 Jahre harrte der japanische Offizier nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf einer winzigen philippinischen Insel aus und bekämpfte als Guerilla aus dem Dschungel die dort stationierten Truppen. Im Verlauf des Romans weigert er sich beharrlich, das Ende des Krieges anzuerkennen. Jedes Zeichen, das ihm die Wahrheit näherbringen könnte, deutet er um in einen Hinterhalt des Feindes. Er ist so gefangen in seiner engen, alternativlosen Weltsicht, dass er sich gar nicht vorstellen kann, Japan könne den Krieg verloren haben.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist Onadas Pflichtgefühl und sein entschlossenes Bekenntnis zu den eigenen Werten. Nichts und niemand kann ihn korrumpieren, jeglicher Bestechungsversuch prallt an ihm ab. Aus freien Stücken wird er sich nie ergeben. Stattdessen kämpft er standhaft für seine Ideale, nur sein eigener Vorgesetzter – zu diesem Zeitpunkt längst ein Greis im Ruhestand – kann ihn schließlich zur Aufgabe bewegen. Onada kehrt nach Japan zurück, doch er findet ein verändertes Land vor, denn der Konsumkapitalismus hat Einzug gehalten. Enttäuscht von der Entwicklung seiner Heimat zieht er sich in den südamerikanischen Urwald zurück, wo er noch viele Jahre als Rinderzüchter lebt.

Das Schicksal von Menschen wie Onada ist, dass die Welt sich an ihnen vorbei entwickelt. Sie halten an alten Tugenden, Idealen, Perspektiven und Wertvorstellungen fest – das mag uns einerseits wie ein erstrebenswerter Charakterzug erscheinen, haben doch schon die alten Stoiker gepredigt, dass wir nichts außer unseren Werten wirklich besitzen und es sich daher lohnt, ihnen treu zu bleiben und für sie zur Not sogar zu sterben. Doch andererseits sind Menschen wie Onada auch bemitleidenswert: Sie aktualisieren ihre Erfahrungen nicht und leben weiter als vergangene Version ihrer selbst, starr, ohne Anpassungsfähigkeit, verdammt zu einer ewigen “Identität”, an die sie so fest glauben, als existierte sie tatsächlich.

Berlin, 14.9.2021