oklama

Kendrick Lamar hat eine Notiz zu seinem nächsten Album geteilt. Das ist vor allem deshalb etwas besonderes, weil er in den letzten dreieinhalb Jahren keine neue Musik veröffentlicht und die Öffentlichkeit um jeden Preis gemieden hat.

In einer Zeit, in der Künstler*innen dazu angehalten werden, ihre Social-Media-Kanäle permanent zu bespielen und möglichst häufig neue Musik zu veröffentlichen, wählt Kendrick einen zutiefst antizyklischen Weg. Und verschwindet.

Die ersten paar Zeilen seines Statements lauten:

I spend most of my days with fleeting thoughts. Writing. Listening. And collecting old Beach cruisers. The morning rides keep me on a hill of silence.

I go months without a phone.

Love, loss, and grief have disturbed my comfort zone, but the glimmers of God speak through my music and family.

While the world around me evolves, I reflect on what matters the most. The life in which my words will land next.

Diese Worte resonieren sehr tief mit mir.

Zwei Songs haben mich vor 11 Jahren zum Kendrick-Fan gemacht: “Cut You Off (To Grow Closer)” von seinem “Overly Dedicated”-Mixtape und sein Verse auf Ab-Souls “Turn Me Up“. Dieser Track basiert auf einem Sample eines Songs, der mir wiederum unglaublich viel bedeutet: “Timeless” von John Abercrombie, ein 12-minütiges Jazz-Stück von 1975, das auf dem Münchner ECM-Label erschienen ist. Ich erinnere mich, wie ich vor einigen Jahren mit C. auf einem Hotelbett in Riga lag, ihr den kompletten Song von meinem Telefon vorspielte und Tränen vergoss.

Auch Kendricks Musik bedeutet mir viel. Seine ersten Mixtapes und Alben befanden sich auf Dauerrotation in unseren damaligen Berliner Redaktionsräumen in der Köpenicker Straße, doch auch später noch begleiteten mich seine Songs durch mein Leben, selbst in Zeiten, in denen ich wenig bis keinen Hip-Hop ertragen konnte. Kendrick war immer so etwas wie ein Lichtblick, eine Erinnerung daran, dass es sie noch gibt, jene absoluten Ausnahmetalente, die ihre künstlerische Vision niemals korrumpieren.

In meiner früheren Tätigkeit fragte ich einmal bei Kendricks Management an, ob er sich eine gut dotierte Kollaboration mit einer großen Marke vorstellen könne. Die Antwort bedeutete eine berufliche Niederlage für mich, doch in meinem Ansehen wuchs Kendrick nur noch mehr, weil er – im Gegensatz zu vielen seiner Kolleg*innen – seine Werte nicht für ein paar Dollar zu verraten bereit war.

Ich respektiere Kendrick auch, weil er der Aufmerksamkeitsökonomie trotzt. Er hat keinen Twitter- oder Insta-Grind, und er veröffentlicht auch nicht alle paar Wochen denselben Song, um die Algorithmen zu füttern. Er kann es sich erlauben, dreieinhalb Jahre abzutauchen und mit einem Statement zurückzukehren, das ihn wie einen kreativen Mönch inszeniert.

Willkommen zurück, Kendrick.

Berlin, 20.8.2021