Novemberferien (4)

Es regnet den ganzen Tag in Strömen. Morgens um 9 Uhr geht es los, und es hört nicht auf bis in die tiefe Nacht. Ich verbringe sehr viel Zeit vor dem Computer. Am Nachmittag gebe ich einem freundlichen Kollegen ein Interview für ein Magazin, das sich als Zielgruppe an “Männer zwischen 30 und 49” richtet; später führe ich ein weiteres Interview mit einem von mir sehr geschätzten Musiker für meinen Newsletter.

Abends lese ich Byung-Chul Han. In seinem Essayband “Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken” (2014) seziert der koreanisch-deutsche Philosoph den Überwachungs- und Konsumkapitalismus. Den bereitwilligen Mitspieler*innen in diesem System stellt Han im letzten Kapitel die Figur des “Idioten” gegenüber, um die auch Botho Strauß in seinem Buch “Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit” (2013) schon kreiste. Mit dem “Idioten” meinen Strauß und Han keinen schlichten Dummbeutel, sondern im antiken Wortsinn eine Privatperson, die sich nicht an der Öffentlichkeit beteiligt, nicht an der Politik, aber auch nicht an den (sozialen) Medien. Auch Tolstoi erschuf einst in seinem gleichnamigen Roman einen solchen “Idioten” – einen anarchischen Beobachter, der außerhalb der Gesellschaft steht und sich mit ihren Gesetzmäßigkeiten nicht arrangieren mag oder kann.

Ein solcher Außenseiter sei jedoch aus der heutigen Gesellschaft nahezu verschwunden, so Han. Dabei könnte eine solche Lebensform in einer Ära der digitalen “Totalvernetzung und Totalkommunikation” eine effektive Praxis des Aufbegehrens gegen den Überwachungskapitalismus bedeuten.

Angesichts des Kommunikations- und Konformitätszwanges stellt der Idiotismus eine Praxis der Freiheit dar. Der Idiot ist seinem Wesen nach der Unverbundene, der Nichtvernetzte, der Nichtinformierte. Er bewohnt das unvordenkliche Draußen, das sich jeder Kommunikation und Vernetzung entzieht. (…) Der Idiot ist ein moderner Häretiker. Häresie bedeutet ursprünglich Wahl. Der Häretiker ist also jemand, der über eine freie Wahl verfügt. Er hat den Mut zur Abweichung von der Orthodoxie. (…) Der Idiot als Häretiker ist eine Figur des Widerstandes gegen die Gewalt des Konsenses. Er rettet den Zauber des Außenseiters. Angesichts des zunehmenden Konformitätszwangs wäre es heute dringender denn je, das häretische Bewusstsein zu schärfen.

In letzter Konsequenz sei die größte Rebellion gegen eine neoliberale Psychopolitik, die uns zur Dauerkommunikation zwingt, das Schweigen. Han zitiert Gilles Deleuze:

“Der Idiotismus errichtet Freiräume des Schweigens, der Stille und der Einsamkeit, in denen es möglich ist, etwas zu sagen, das es wirklich verdient, gesagt zu werden. (…) Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äußern dürfen, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden.”

Berlin, 4.11.2021