Montag

Morgens mit J. telefoniert. Wir haben uns seit Jahren nicht gesprochen, waren einmal Teil derselben Gemeinschaft – das Wort “Szene” klingt einfach zu abgegriffen –, damals in Köln, Ende der nuller und Anfang der zehner Jahre, als es die legendäre Kellerbar Stecken im Belgischen Viertel noch gab. Ich habe über diese Zeit vor zwei Jahren einen Text für Robert Winters ausgezeichnetes Fotobuch “prod. by _____” geschrieben. Heute betreibt J. ein unkommerzielles Community-Radio und wir sprechen über ein Sendungskonzept. Bin angesichts der Idee positiv aufgeregt. Habe kein Radio mehr gemacht, seit ich vor fünf Jahren meine wöchentliche “Rohstoff”-Sendung bei ByteFM eingestellt habe.

Mittagessen mit A. in einem meiner liebsten italienischen Restaurants in Mitte. Ich war seit eineinhalb Jahren nicht mehr hier; unsicher, ob mich der Chefkellner noch erkannt hat. Früher war ich jede Woche hier, das Büro war gleich um die Ecke. Merkwürdige Atmosphäre in dem altehrwürdigen Lokal, weiße Tischdecken, hohe Decken und kaum Gäste. Vielleicht sind wir einfach spät dran, vielleicht geht angesichts der beginnenden vierten Welle schon niemand mehr essen.

A. ist aus London zu Gast; seine Frau und er haben beschlossen, den Jahresurlaub in Deutschland zu verbringen und sich Berlin und München anzuschauen. Was macht man in drei Tagen, wenn man zum ersten Mal in Berlin ist und alle Clubs geschlossen haben? Sie haben eine Fußgängertour durch Mitte und Tiergarten hinter sich und planen einen Besuch auf dem Tempelhofer Feld und eine ausgiebige Tour durch Friedrichshain und Kreuzberg. Ich weiß nicht, was ich ihnen noch empfehlen soll. Ich frage mich dieser Tage selbst doch oft, warum ich hier eigentlich noch wohne.

Berlin, 23.8.2020