Miura

Manchmal bin ich selbst beeindruckt von meinem musikalischen Gedächtnis. C. hatte in ihrem Mix der Woche heute ein Stück, in dem ein bestimmter Sound verwendet wurde, und als sie mich beim Abendessen fragte, welcher House-Track der frühen 2000er auf einem ähnlichen Element basiert, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen: “Miura“. Den Rest des Abends hörten wir das selbstbetitelte Debütalbum von Metro Area. Resident Advisor nennt es das zweitbeste Album seiner Dekade, noch vor Burial, Daft Punk und Rhythm & Sound. In der Groove landete es in den Top 10 der besten elektronischen Alben aller Zeiten. Bei seinem Erscheinen wurde es sogar Album des Monats in der Spex, was mich damals sehr beeindruckte.

Das Album triggert verblasste, verschwommene Erinnerungen an meine Jahre in Hamburg. Rekonstruktion: Als “Metro Area” erschien, lebte ich in einem tristen Wohnblock in Winterhude und verbrachte die Nächte im Golden Pudel Klub oder im Hafenklang, manchmal auch in einem dekadenten House-Club namens Rubin auf dem Hamburger Berg. Ich studierte immer noch mit mäßiger Begeisterung Jura, machte jedoch parallel auch ein Praktikum in einer Zeitschriftenredaktion und glaubte zum ersten Mal eine echte berufliche Perspektive entdeckt zu haben.

Es war eine Zeit, in der die Clubszene immer noch vom Nachhall des Minimal Techno der 1990er Jahre geprägt wurde. Es gab zwei Bewegungen, die damals die spannenden Impulse setzten: Electroclash und Nu Disco. Beide bedienten sich an der Soundpalette der späten 1970er bis mittleren 1980er Jahre – Electroclash an New Wave, Punk und Synthie-Pop, Nu Disco an – logisch – Disco, House und Boogie. Fischerspooner waren die Stars des Electroclash, Metro Area die Architekten von Nu Disco. Doch während die meisten Electroclash-Platten nicht sonderlich gut gealtert sind, klingt “Metro Area” immer noch zeitlos perfekt. Nächstes Jahr wird es 20 Jahre alt.

Berlin, 4.10.2021