Mall of Berlin

Halb verregneter, grauer Samstag. Vormittags im Studio bei D. in Prenzlauer Berg, um zwei Podcast-Episoden aufzunehmen.

Das gestrige Gespräch mit Jan drehte sich in Teilen um den nachhaltigen Einfluss von Vaporwave. Mitte der 2010er Jahre gab es mal eine Zeit, in der ich nicht besonders gut schlafen konnnte. In dieser Zeit entdeckte ich Vaporwave; nächtelang hörte ich obskure Alben auf Internet-Labels wie Dream Catalogue und schaute dazu stummgeschaltete Youtube-Videos von Nachtfahrten durch asiatische Großstädte wie Hongkong, Tokyo und Shanghai. Diese Angewohnheit hatte ich mir bei dem Vaporwave-Produzenten HKE abgeschaut, der davon in einem Interview berichtet hatte.

Im selben Interview findet sich diese bezeichnede Passage, die den Reiz von Vaporwave-Musik für mich bis heute perfekt auf den Punkt bringt:

There is no story here, just little windows into brief moments, like watching a ship pull into the harbour under the lights of the towers as you stand on a balcony in the middle of the night, or taking the last subway home as the fluorescent lights of the carriage flicker on and off. There are elements of futurism, nostalgia and exotica to a degree in all of these albums, absolutely. Ultimately, it’s all about viewing this life for the surreal dreamworld that it is and finding a certain romanticism and joy within that.

Den heutigen Nachmittag habe ich damit verbracht, auf digitale Jagd nach meinen liebsten Vaporwave-Alben zu gehen. Die meisten davon hatte ich seit Jahren nicht mehr gehört. Ich dachte, dass gerade die Mallsoft-Variante des Genres denkbar schlecht gealtert wäre, lag mit dieser Einschätzung aber falsch. Die nostalgisch-verklärten Soundcollagen aus heruntergepitchten Smooth-Jazz- und Muzak-Samples taugen mir immer noch. Interessanterweise ist das Genre ja kaum kommerzialisierbar; die Künstler*innen bleiben anonym und verstecken sich hinter asiatischen Schriftzeichen, MS-Paint-Grafiken und römischen Büsten. Die Musik besteht zu einem großen Teil aus Samples und wurde daher meist frei zum Download verfügbar gemacht.

Ich höre zunächst “News At 11” und dann “Palm Mall” von dem niederländischen Vaporwave-Produzenten 猫 シ Corp.; ersteres katapultiert mich sofort in die späten neunziger Jahre, als ich oft vor dem Fernseher eingeschlafen und mitten in der Nacht zu Sitcom-Wiederholungen, Teleshoppingsendungen und Geschichtsreportagen wieder aufgewacht bin. Beim zweiten Album muss ich an die Zeit vor ein paar Jahren denken, als ich in einem Büro in der Leipziger Straße arbeitete, direkt neben der Mall of Berlin. An vielen Tagen ging ich mittags nach nebenan, um dort einen der Restaurantgutscheine einzulösen, die wir von der Firma bekamen.

Im ersten Stock der Mall gab es einen sogenannten Food Court, der aus einem McDonald’s, einem Asia-Imbiss, einem Dönerladen, einer Smoothie-Bar und noch ein paar weiteren Angeboten bestand. Wenn man dort oben saß, konnte man auf die Rolltreppen und die anderen Stockwerke herabschauen und Menschen beim Betreten und Verlassen der Geschäfte beobachten. Ich liebte es, einmal am Tag den Schreibtisch im Großraumbüro zu verlassen und ganz allein zwischen Schüler*innen, Tourist*innen und Rentner*innen zu sitzen.

Ich habe heute ein paar gute Texte über Vaporwave gelesen. In einem davon hieß es, Vaporwave vertone die Nostalgie in Bezug auf eine Ära, die man gar nicht selbst erlebt hat. In einem anderen schrieb jemand, Vaporwave sei der definitive künstlerische Kommentar zu unserer Ära des globalen Konsumismus. Beide haben vermutlich recht.

Berlin, 18.9.2021