Jahreszeiten im Abgrund

Nach dem Erscheinen meines ersten Buchs »Zen Style« im Dezember 2021 habe ich viele Interviews gegeben, war in Podcasts zu Gast und habe die ganze Zeit fast ausschließlich über mein Buch und mich selbst gesprochen. Davon hatte ich recht bald genug. Ich spürte das dringende Bedürfnis zum Rückzug.

Der Frühling 2022 war merkwürdig. Covid war noch nicht aus unserem Bewusstsein verschwunden. Dann begann Russland einen sinnlosen Krieg in der Ukraine. Millionen Menschen flüchteten nach Europa. Europa reagierte mit Sanktionen, Russland drehte den Gashahn zu. Plötzlich diskutierte man öffentlich über die Möglichkeit von Engpässen im Winter. Es hieß, die Strom- und Benzinpreise würden weiter steigen und die Heizkosten explodieren. Die Stimmung wird seitdem mit jedem Tag apokalyptischer. Die Heizlüfter sind in den Baumärkten ausverkauft.

Ein Teil der Öffentlichkeit scheint langsam zu verstehen, dass unser Leben bald ganz anders aussehen wird als bisher. Ich meine nicht nur jenen Teil, der unbeirrt mit zwei SUVs im Doppel-Carport in Suburbia lebt, zum Frühstück Avocado-Toast isst und zweimal im Jahr Urlaub in der Karibik oder Südostasien macht, sondern auch und gerade die vielbeschworenen »einfachen Leute«.

Ich fühlte mich an eine Passage in meinem Buch erinnert, in der ich von jenem »langen Abstieg« spreche, der unserer westlichen Zivilisation in den nächsten Jahrzehnten bevorsteht. Ressourcenknappheit und Klimawandel sind die Ursachen. Seuchen, Kriege, Massenmigration und extremes Wetter sind die Symptome. Haben wir schon davon gesprochen, wie unglaublich heiß dieser Sommer war? Und dass weite Teile Ostdeutschlands komplett ausgetrocknet oder abgebrannt sind?

Wenn es ungemütlich wird, also in naher Zukunft, werden Großstädte nicht die angenehmsten Orte zum Leben sein. Ich bezweifle inzwischen, dass sie das jemals waren, aber sie hatten in der Vergangenheit durchaus eine große Anziehungskraft auf mich. Wie ich in »Zen Style« auch schon geschrieben habe, sehne ich mich immer mehr nach der Ruhe, die ich aus meiner Kindheit auf dem Land kenne. Der britische Autor und ehemalige Umweltaktivist Paul Kingsnorth, den ich im Buch zitiere, ruft in seinem »Dark Ecology«-Manifest auf zu einem »achtsamen Rückzug«. Für ihn begann dieser mit einem Umzug auf einen Bauernhof in Westirland. Das hört sich für mich gut an.

Während der Pandemie kamen ja viele Städter*innen, die plötzlich im Home Office saßen, auf diese Idee. Schließlich verlangte niemand mehr von uns, in einem Büro aufzutauchen oder bei Meetings körperlich anwesend zu sein. Brandenburgs Dörfer und Kleinstädte stecken inzwischen voller Exilberliner*innen. Auch für uns, also meine kleine dreiköpfige Familie, schien ein dauerhaftes Verlassen der Großstadt auf einmal möglich. Außerdem erschien es uns reizvoll, mehr Zeit draußen zu verbringen, an analogen Dingen zu arbeiten und im Einklang mit der Natur zu leben, im natürlichen Tag- und Nachtrhythmus, vorgegeben von der Sonne, den Jahreszeiten und dem Wetter.

Also haben wir ein kleines, altes Bauernhaus gekauft, in einem extrem dünn besiedelten Gebiet im Norden. Neben dem Haupthaus stehen auf dem Grundstück auch noch eine alte Scheune mit Hühner- und Schweinestall, eine Garagenwerkstatt und ein Holzschuppen. Es gibt einen Garten, in dem wir Obst, Gemüse und Kräuter anbauen werden. Das haben wir auch in der Stadt schon getan, aber auf deutlich weniger Fläche, nämlich einer gepachteten Kleingartenparzelle. Zur Zeit verbringen wir viel Zeit vor Ort mit den Sanierungsarbeiten, die wir aus Kosten- und Nachhaltigkeitsgründen selbst vornehmen. Handwerker findet man ohnehin nicht – alle ausgebucht.

Meine Frau und ich arbeiten an einem Buchprojekt, das unser Experiment mit dem Landleben dokumentieren soll. Diesen Blog möchte ich in nächster Zeit dazu nutzen, um euch schon jetzt mit auf die Reise zu nehmen und dabei auch über die bevorstehende dunkle Periode zu sprechen, praktische Tipps zum Umgang mit den Folgen von Klima- und Energiekrise zu geben, aber auch Literatur und andere Medien zu teilen.

Hier ist genau so Raum für die Poesie von D.H. Lawrence wie für die theoretischen Konzepte der Neo-Ludditen, Ideen zum Energiesparen und Rezepte zum Einwecken von Gemüse. Für mich ist das praktische Resilienz: Kein blindes Einverstandensein, aber eine Akzeptanz der Tatsachen. Keine Flucht, aber ein vorläufiger Rückzug aus der »Maschine«, wie Paul Kingsnorth den techno-industriellen Komplex des Konsumkapitalismus nennt.

Um einen meiner Lieblings-Kollapsologen, den Autoren John Michael Greer, zu zitieren:
»Collapse now. Avoid the rush.«

Berlin, 23.9.2022