Herbst in Berlin

Der Sommer ist vorbei, und alle wissen es; sogar Maxim Biller hat dem Thema seine Kolumne in der Zeit gewidmet. Es ist eine ganz spezielle Zeit im Jahr.

Ich höre “V Tiraj“, das Debütalbum von Lapti, einem Beatmaker aus Moskau. Es ist 2015 über das einflussreiche Label Gost Zvuk erschienen, und Michail hat darüber einmal treffend gesagt, es sei “verstrahlter Hip-Hop, der nach verkifften Sommerabenden in den Moskauer Suburbs klingt”. Laptis Stücke werden von den stolpernden Beats und analogen Synthies geprägt, die Anfang der 2010er Jahre aus Los Angeles und Glasgow um die Welt gingen, doch gleichzeitig tragen sie eine sehr eigene, tiefe Melancholie in sich, die gut zu diesem ausgehenden Spätsommer passt.

Ich war noch nie in Russland, auch wenn mein Großvater väterlicherseits aus Kaliningrad stammte, das damals noch Königsberg hieß, und meine Großmutter aus Klaipeda, damals noch Memel. Vielleicht habe ich mich deshalb immer auf unbestimmte Weise zum Baltikum hingezogen gefühlt. Wir sind eine Familie von Flüchtlingen, von Vertriebenen. Meine Großeltern flüchteten mit Pferdewagen, auf denen sie ihr gesamtes Hab und Gut verstaut hatten, mitten im ostpreußischen Winter. Es gibt fürchterliche Geschichten aus dieser Zeit, die stets nur hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden. Mein Großvater hat nie so richtig über seine monatelange Gefangenschaft gesprochen.

Traumata von Krieg und Flucht können über Generationen weitergegeben werden, so lange sie nicht besprochen und überwunden werden. Meine vollkommen unbegründete Angst davor, obdachlos zu werden; die immensen Vorräte, die wir uns zu Beginn der Pandemie angelegt haben; der Kleingarten, die Abneigung gegen die Anhäufung von Dingen, das häufige Umziehen und unsere streckenweise exzessive Wanderleidenschaft – alles Themen, die sich in diesem Licht betrachtet noch einmal anders darstellen.

Ja, es besteht kein Zweifel: Der Herbst steht vor der Tür. Und ich bin bereit.

Berlin, 12.9.2021