Hackney Hardcore

Den Großteil des verregneten Wochenendes verbringe ich mit dem Sortieren von Playlisten und dem Durchhören von Neuerscheinungen. Zu Beginn der Pandemie habe ich mir einen DJ-Controller gekauft, der während der Lockdowns zu meinem Lieblingsspielzeug geworden ist.

D. schenkte mir letztes Jahr ein Bootleg-T-Shirt, das ich heute trage: Es trägt die Aufschrift “Hackney Hardcore” neben einer an das Helly-Hansen-Logo angelehnten Grafik. D. kennt meinen Musikgeschmack wie kaum jemand sonst. Seit Tagen regiert mal wieder die UK-Bassmusik in meinen Kopfhörern. Ich beschäftige mich mit dem aktuellen Jungle-Revival, höre zeitgenössischen Breakbeat-Techno und entdecke remasterte Versionen von raren UK-Funky-EPs und frühen Dubstep-12-Inches.

Immer wieder hatte ich in meinem Leben die Idee, nach London zu ziehen. Ich bin diesen Schritt aber nie gegangen, stattdessen verfolge ich diese Musik seit fast 30 Jahren aus der Distanz. Ich war nie auf einem Warehouse-Rave, stand nie mit hunderten Feierwütigen draußen auf einem Feld. Ich habe London oft besucht, war aber nur ein einziges Mal in der Fabric und stand dort stundenlang mit einem alkoholfreien Bier an der Bar herum. Es gab seltene vertraute Momente, wie den nach einem Festival im Hyde Park, als ich über die Vauxhall Bridge ins Hotel lief und dabei laut Drum’n’Bass hörte, oder die vielen Stunden in den Plattenläden von Soho, wo ich mich durchaus zu Hause fühlte. Ich habe wochenlang aus unserem alten Büro am Oxford Circus gearbeitet, in gemieteten Apartments in Bermondsey oder Peckham gewohnt, mehr als einen Nachmittag im Stockwell Skatepark verbracht und mehr als einen Samstag auf der Portobello Road.

Die Beats der UK-Bassmusik sind für mich trotzdem immer jene “Distant Lights” geblieben, von denen Burial schwärmt. Eine Ahnung, eine Vorstellung, eine Einladung; etwas, das die Fantasie anregt. Kopfhörermusik, bei der keine unnötigen Worte von der Atmosphäre ablenken. Nur ein paar Stimmfetzen schweben geisterhaft durch die Musik und erinnern an andere Zeiten, an nicht erfüllte Träume und Realitäten, die sich nie materialisiert haben.

Der Sonntagabend klingt aus mit William Basinskis “Cascades“: Ein manipulierter Klavier-Loop, der sich mit dem Regen und den Straßengeräuschen zu einer einzigartigen Stimmung vermischt, zu der wir im Halbdunkel langsam eindämmern.

Berlin, 29.8.2021