Gaslampen

In den letzten Wochen schauten wir abends häufig DDR-Dokus aus den 1970er und 1980er Jahren, zumeist im Online-Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung, z.B. “Flüstern und Schreien” von Dieter Schumann, “Winter adé” von Helke Misselwitz, die Filme von Andreas Voigt und Thomas Heise (“Eisenzeit” oder “Stau“) und die Wittstock-Reihe von Volker Koepp. Mich fasziniert es sehr, diese Dokumente aus einer Zeit zu sehen, in der unsere Stadt und die Menschen noch anders aussahen, anders sprachen und anders lebten, ohne Internet und Mobiltelefone, in einer geteilten oder gerade erst wiedervereinten Stadt.

In dem Buch “Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen” von J.B. MacKinnon, das ich diese Woche gelesen habe, fand ich einen Absatz in diesem Zusammenhang besonders interessant. MacKinnon schreibt, dass Berlin unter allen westlichen Großstädten immer noch die geringste Lichtverschmutzung aufweise. In Berlin gelte der Grundsatz: “Nur so viel Licht wie vernünftig und notwendig”. Werbetafeln seien kleiner, Straßenlaternen schalten sich später ein als in London oder New York. Die Parks seien nachts überhaupt nicht beleuchtet, auch öffentliche Plätze werden nicht hell ausgeleuchtet, sondern “schimmern in Berlin in einem weichen, körnigen Licht wie alte Handyfotos”. Die alten Gaslampen werden zwar auch hier langsam durch hellere Energiesparlampen ersetzt, aber viele Berliner “ziehen das goldene Glühen der Gaslampen vor, das so weich ist, dass es beinahe dekadent wirkt”.

Berlin, 24.10.2021