Funky Dumplings

Ausgezeichnete chinesische Dumplings hatte Jannis versprochen. Das vegetarische Mittagsmenü bestand aus scharf gewürzten, eingelegten Seidentofustreifen und grünen Teigtaschen mit deftiger Gemüsefüllung, dazu bestellten wir Ingwertee mit Honig und frischen Apfel-Gurke-Minze-Saft. Wir saßen draußen an der Straße; am Vormittag hatte es geregnet, doch nun klarte der Himmel auf.

Jannis begann das Gespräch mit einem Bericht aus Beirut. Dort hatte er gerade nach langer Pause mal wieder zwei DJ-Gigs gespielt, wohlgemerkt ohne Gage, denn die libanesische Wirtschaft liegt seit der Explosionskatastrophe am Boden. Vor der Pandemie hatte er viel Zeit im Libanon und in Ägypten verbracht. Auf seinem Label Habibi Funk veröffentlicht er liebevoll gestaltete Vinyl-Neupressungen seltener Platten, die er in den Hinterzimmern der Second-Hand-Läden von Kairo und Beirut aufstöbert. Stets handelt er dabei mit Einwilligung der Musiker*innen oder deren hinterbliebenen Familien, die er in detektivischer Arbeit aufspürt.

Wir teilen diese Leidenschaft für halbvergessene Musik aus Regionen jenseits der nordwestlichen Hemisphäre. Einmal habe ich Jannis bei den Liner Notes einer Wiederveröffentlichung der Werke von Ahmed Malek geholfen, einem verstorbenen tunesischen Filmkomponisten; auch sonst hatten sich unsere Wege immer wieder gekreuzt, meistens bei Festivals und Konzerten. Die Musik seiner Labels Jakarta Records und Habibi Funk begleitet mich seit fast 15 Jahren.

Während wir unsere Teigtaschen verspeisten, berichtete er von einem Treffen mit Hartmut Geerken, einem ehemaligen Mitarbeiter des Kairoer Goethe-Instituts, der 1971 eine Konzertreise des Sun Ra Arkestra nach Ägypten organisiert hatte. Als Jannis den heute 82-jährigen Musikliebhaber in seinem Haus in München besuchte, sprudelten die Geschichten nur so aus ihm heraus. Über Sun Ra landeten sie schnell bei legendären Krautrock-Bands wie Embryo oder Agitation Free, die in den 1970ern ebenfalls den nahen Osten bereist hatten. Agitation Free, die 1972 das großartige Album „Malesch“ veröffentlicht hatten, waren im selben Jahr auf Einladung des Goethe-Institus auf Tournee durch Ägypten und den Libanon gegangen. Offenbar hatte Geerken auch hier seine Finger im Spiel.

Jannis ist eine unerschöpfliche Quelle solcher Anekdoten und Querverweise. Nach dem Essen begleitete er mich noch zu meinem Auto, und am Ende musste ich zwei Meetings verschieben, weil ich für unser Treffen offensichtlich mal wieder zu wenig Zeit eingeplant hatte. Wieder zu Hause angekommen, hörte ich beim Arbeiten zunächst seine sorgsam kuratierte Habibi-Funk-Playlist – über Kopfhörer, denn unterm Schreibtisch schlief meine 12 Wochen alte Labradorhündin –, und anschließend das herrlich unaufgeregte Album “Dialogue” von Ol Burger Beats und Vuyo, einem Hip-Hop-Duo mit Wurzeln in Norwegen und Südafrika, veröffentlicht auf, logisch, Jakarta Records.

Berlin, 7.7.2021