French Touch

Paris im September 2016. Ich hatte mit M. ein Apartment im 10. Arrondissement gemietet und wollte ihm die Stadt zeigen, in der ich 15 Jahre zuvor einmal einen legendären Sommer verlebt hatte. Damals war ich Anfang 20 gewesen, hatte bei einem Freund in einer Künstlerwohngemeinschaft am Gare du Nord gewohnt und meine Tage damit verbracht, Henry Miller am Quai de Valmy zu lesen oder stundenlang den Skatern vor dem Musée d’art moderne zuzuschauen. Nachts zogen wir durch die dekadenten House-Clubs der Stadt oder irgendwelche dunklen Bars im Marais. Morgens, wenn wir nach Hause kamen, gingen wir manchmal noch hoch zur Basilika Sacré-Cœur, setzten uns mit der letzten Flasche Kronenbourg-Bier auf die Treppenstufen und sahen die Sonne über den Häusern aufgehen. Der Soundtrack dieser unbekümmerten Tage war Daft Punk, Cassius, Télépopmusik, Air, Étienne de Crécy.

Natürlich war von diesem Paris meiner Erinnerung im Spätsommer 2016 herzlich wenig übrig, was mir eigentlich hätte klar sein müssen, denn ich hatte in der Zwischenzeit mehrere Besuche in der französischen Metropole mit der vergeblichen Spurensuche nach diesem Sommer 2001 verbracht. Also ließen wir meine Vergangenheit ruhen und machten das einzig Vernünftige: Wir ließen uns treiben, verbrachten die Tage auf den Beinen und die Abende im Gaité Lyrique bei einem Festival mit audiovisuellen Performances. Wir sahen Thurston Moores Ausstellung “Rebellion of Joy” und aßen mit einer Freundin in Edouards ausgezeichnetem Restaurant L’Entrée des Artistes. Die meiste Zeit lief ich allerdings blind und taub durch die Stadt, den Blick aufs Smartphone-Display gerichtet, und aß kaum. In Berlin hatte ich wenige Tage zuvor C. kennengelernt.

Berlin, 7.8.2021