Einfach leben wie Mark Boyle

Gerade lese ich ein Buch des irischen Autors Mark Boyle. Boyle wurde bekannt als »The Moneyless Man«, als er 2008 für ein Experiment versuchte, ein Jahr lang ohne Geld zu leben. Tatsächlich gelang sein Experiment – er dehnte es sogar auf drei Jahre aus. Inzwischen wohnt er im ländlichen Westen Irlands, in der Nähe der Stadt Galway, auf einem Permakultur-Kleinbauernhof. Dort hat er sich einer Existenz ohne moderne Technologie verschrieben – er wohnt in einer selbstgebauten Hütte ohne Strom und fließendes Wasser, ohne Internet und Telefon, ohne Computer und ohne Auto.

Mit seiner Lebensgefährtin Kirsty lebt er von einem Jahresbudget, das seiner eigenen Aussage zufolge weit unterhalb dessen liegt, was in Irland als die Armutsgrenze definiert wird. Arm fühlt er sich dabei nicht. Stattdessen hat er eine andere Art von Reichtum entdeckt, in einem einfachen Leben nach der Sonne und den Jahreszeiten, in einer selbstgenügsamen Existenz nach der Art seiner Vorfahren, inspiriert von Bewegungen wie dem Primitivismus oder den Amischen.

Boyle hat diesen Lebensstil nicht gewählt, um den Rest der Welt davon zu überzeugen, seinem Beispiel zu folgen. Trotzdem setzt er sich immensen Anfeindungen aus. Ich bin auf Boyle durch ein Interview mit dem britischen Schriftsteller Paul Kingsnorth gestoßen, dessen Arbeiten ich seit einigen Jahren intensiv verfolge. Eine Passage in dem Interview, in dem Kingsnorth über seinen Freund spricht, fand ich besonders interessant:

[Mark]’s living as simply as he can. And he wrote a series of articles about this for The Guardian a few years back, which were not political at all — they were just talking about his lifestyle and what things he discovered — and the comments from a lot of people were really interestingly angry and defensive, as if they felt personally attacked by this. They’d say, “What would you do if you had to go to hospital?” “I bet you use the dentist!” and “All the rest of us have to pay our taxes so you can live like this —everybody can’t live like that.” And all this stuff. It was very interesting because he wasn’t writing pieces suggesting that anybody else should live like this. It wasn’t a political project he was doing; he was just exploring what it’s like to live without technology. But people felt really threatened by it — really threatened, and they felt they needed to go on the attack, as if everything that they valued was being attacked in itself. (…) There’s a defensiveness where people end up defending the very system that’s cut them off from life. So when they see somebody else living differently, it just makes them inexplicably angry.

Bei mir hat das Interview das Gegenteil von dem ausgelöst, was manche Guardian-Leser*innen empfanden. Nachdem ich in »Zen Style« ausführlich über ein einfaches, genügsames Leben innerhalb der Regeln der modernen Gesellschaft geschrieben habe, fand ich Boyles Art des Aussteigertums unglaublich spannend und wollte mehr darüber wissen. So fand ich einen Beitrag auf Youtube, in dem Boyle ein bisschen mehr über seinen Alltag und die Gründe für seine Entscheidung erzählt, komplett auf moderne Technologie zu verzichten:

Ich empfehle übrigens auch das komplette Interview mit Kingsnorth zu lesen. Sein Newsletter »The Abbey of Misrule« ist eine inspirierende Quelle nonkonformistischer Gedanken zu den großen Themen unserer Zeit. Kingsnorth schreibt darüber, wie ein achtsames Leben innerhalb des modernen techno-industriellen Komplexes gelingen kann, den er nur »die Maschine« nennt. Ich stimme längst nicht mit allem überein, was er schreibt – seine Standpunkte zur Covid-Impfung und seine neu gefundene Begeisterung für die katholische Kirche teile ich keineswegs – aber grundsätzlich finde ich in seinen Texten stets interessante Gedanken, die lange in mir nachhallen.

Sicher haben sie auch meine eigene Entscheidung beeinflusst, mit meiner Familie aufs Land zu ziehen und einen Kleinbauernhof zu bewirtschaften. Unser »einfaches« Leben sieht keinen Verzicht auf Strom oder fließendes Wasser vor, doch wir werden künftig mit Holzöfen heizen und vom Land leben. Trotzdem haben wir auch ein Auto, Smartphones und eine Internetverbindung. Ähnlich wie Boyle werden wir unsere Erfahrungen aufschreiben, auch wenn wir uns nicht als Aussteiger begreifen. Uns geht es nicht um einen Wettbewerb, sondern darum, einen achtsameren Lebensweg als unsere Großstadtexistenz zu finden, der für uns dauerhaft funktioniert. Menschen wie Mark Boyle und Paul Kingsnorth liefern wichtige Inspiration auf diesem Weg.

Boyle schreibt in dem Buch, das ich gerade lese, viel über die Kultur des Schenkens und Tauschens, die er in seiner ländlichen Gemeinschaft wiederentdeckt hat. Tatsächlich haben wir in dem winzigen, entlegenen norddeutschen Dorf, in dem sich unser Kleinbauernhof befindet, bereits ähnliche Erfahrungen gesammelt. Als kürzlich die Birnen in unserem Garten reif waren, hatten wir auf einmal so viele Früchte, dass wir sie niemals alle essen konnten. Also füllten wir mehrere Eimer mit Birnen und verteilten sie unter unseren Nachbar*innen. Jede*r von ihnen brachte den Eimer zurück – allerdings nicht leer, sondern gefüllt mit Äpfeln oder anderen Früchten, von denen sie wiederum mehr als genug hatten. Allein durch diese Geste wuchs unser Vertrauen, dass das Land und die Gemeinschaft dort für uns sorgen werden.

Berlin, 11.10.2022