Bildet Nischen!

Mittags mit dem Fahrrad nach Prenzlauer Berg, kurzer Kaffee am Helmholtzplatz mit M., dann gemeinsam weiter nach Kreuzberg. Eigentlich wollten wir im Hebbel am Ufer das Festival “Bildet Nischen!” besuchen, das sich mit dem Zodiak Arts Lab beschäftigt. Dieser mythische Club am Halleschen Ufer versammelte zwischen 1967 und 1969 die progressive Musik- und Kunstszene, aus der später die Berliner Schule des Krautrock hervorging. Ich hatte mich auf das Festival gefreut, doch ich scheiterte am 2G-Nachweis. Mir war zwar abstrakt bewusst, dass man für solche Veranstaltungen einen digitalen Impfnachweis braucht, aber ich hatte schlicht vergessen, mit meinem Impfpass in eine Apotheke zu gehen. Dass die Reise mit der U-Bahn nach Kreuzberg heute für mich die erste BVG-Fahrt seit eineinhalb Jahren war, spricht Bände.

Stattdessen ließen wir uns, wo wir schon mal in der Gegend waren, über den Mehringdamm und durch den Bergmannkiez treiben, aßen draußen vor der Markthalle ein Fischbrötchen und tranken ein alkoholfreies Bier, weil es überraschend warm war.

Am Abend höre ich neuen Hip-Hop. Alles, was DJ Muggs und The Alchemist in den letzten Jahren anfassen, wird zu Gold. Muggs ist 53 Jahre alt, Alchemist wird nächsten Monat 44, und beide befinden sich in ihren – an Höhepunkten nicht gerade armen – Karrieren derzeit am bisherigen Zenit ihrer Kreativität. Zusammen mit einer Handvoll weiterer Künstler*innen sind sie wesentlich dafür verantwortlich, dass ich mich weiterhin für zeitgenössischen Hip-Hop begeistere. Auch sie haben eine Nische gebildet, jenseits des Mainstream-Entwurfs, der seit gut zehn Jahren die öffentliche Wahrnehmung des Genres dominiert. Doch Popularität ist ein ungenügender Gratmesser für kulturelle Relevanz. Das galt Ende der 1960er Jahre, als die deutsche Kunst- und Medienwelt die junge experimentelle Krautrockszene geflissentlich ignorierte, und das gilt in unserer schönen neuen Algorithmenwelt um so mehr.

In diesem Sinne: Bildet Nischen!

Berlin, 25.9.2021