Befreiung durch Hören

Das Wochenende mit Richard Russells autobiografischem Buch “Liberation Through Hearing” verbracht, das mir C. bei unserem Treffen letzte Woche empfohlen hatte.

Bin nachhaltig beeindruckt, hier zunächst nur einige lose Notizen über Passagen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind.

  • Russell beschreibt Edgware, den nördlichen Londoner Vorort, in dem er als Teil einer jüdischen Community aufgewachsen ist: Er habe Spaß dort gehabt, dennoch sei es ihm immer wie ein Ort vorgekommen, den man verlassen müsse.
  • Seine Eltern seien ordentliche, hart arbeitende Menschen gewesen, die ihm einen guten Start ins Leben ermöglichen wollten. Trotzdem habe er schon in jungen Jahren eine Traurigkeit verspürt, die er nur schwer greifen konnte und die ihn nie verlassen sollte. Er sei von Geistern umgeben aufgewachsen, schreibt er und meint damit generationsübergreifende Traumata, die zwar nicht offen besprochen, aber von sensiblen Kindern trotzdem wahrgenommen werden – in seinem Fall die Schrecken des Holocausts.
  • Rick Rubin habe ihm einmal einen Ratschlag von nahezu spiritueller Qualität gegeben. Er solle sein Feedback gegenüber Künstler*innen immer nur subjektiv formulieren, nämlich darüber sprechen, welche Gefühle die Musik bei ihm hervorruft. Auf diese Weise könne man niemals unrecht haben. (“Do not think you are right. Just know how you feel.”)
  • Als er mit Gil Scott-Heron arbeiten wollte, habe Russell ihn im Gefängnis auf Rikers Island besucht, wo der Musiker gerade wegen Drogendelikten einsaß. Trotz widriger Umstände habe er sich nicht beklagt. Darauf angesprochen, soll Scott-Heron entgegnet haben: “If you complain, no one wants to hang out with you.”
  • Die Fixierung der Musikindustrie auf Zahlen empfindet Russell als beschränkt. Musik, die viele Menschen erreicht, aber keinerlei Substanz aufweist, interessiere ihn nicht. Musik, die Tiefe hat, aber nur ein kleines Publikum erreicht, sei oft wichtiger und langlebiger.
  • Bei XL Recordings habe Russell inzwischen ein Veröffentlichungslimit von fünf Alben pro Jahr ausgerufen. Weniger sei mehr. Diesen Ansatz bezeichnet Russell als “deeply anti-business” und glaubt, dass er bei keiner Firma funktionieren könnte, die Aktionäre hat.
  • Der aggressive, kompetitive Geist, der den Profisport und auch die Musikindustrie durchzieht, ist laut Russell eher hinderlich für eine filigrane Kunstform wie Musik. Das Konzept der Marktanteile, das in der Major-Welt regiert, führe dazu, dass nicht nur der eigene Erfolg, sondern auch der Misserfolg der Mitbewerber zum Antrieb werde.
  • Als Russell 40 wurde, habe er sich für Spiritualität zu interessieren und entsprechende Bücher zu lesen begonnen. Er nennt Sogyal Rinpoches “Tibetisches Buch vom Leben und Sterben”, Shunryu Suzukis “Zen-Geist, Anfänger-Geist”, Senecas “Briefe an Lucilius” und die Bücher von Eckhart Tolle, die ihn besonders beeindruckt haben. [Übrigens ist der Titel des Buches, “Liberation Through Hearing”, wahrscheinlich ein Verweis auf das Bardo Thodol, das “Tibetische Totenbuch”.]
  • Einmal habe er eine Erweckung erfahren – etwas, was die Zen-Buddhisten satori nennen. Während eines Fußballspiels, das er mit einem Freund ansah, habe er auf einmal eine große innere Ruhe gespürt und sei sich seines Egos bewusst geworden, das er plötzlich wie ein separates Wesen wahrgenommen habe. Ihm sei klar geworden, dass er nicht die Stimme in seinem Kopf ist. Er habe den mentalen Lärm, den sein Geist erzeugt, einfach nur beobachtet und sich davon gelöst. Dadurch habe er die Gründe für viele Konflikte in seinem Leben verstanden. Ab diesem Moment sei es für das Ego schwieriger geworden, sein Handeln zu kontrollieren.
  • Durch eine schwere, monatelange Krankheit sei Russell klar geworden, dass alle Momente – schöne wie schreckliche – vorübergehen. Es lohne sich daher nicht, sich zu sehr an irgendetwas zu klammern. Selbst der am wenigsten spirituelle Mensch müsse anerkennen, dass wir wirklich nicht besonders lange hier sind.

Berlin, 22.8.2021