Austern und Champagner

Ungemütliches Wetter. Mittags nach Prenzlauer Berg. M. ist aus München auf einen längeren Besuch in der Stadt, er ist Musiker und führt ein geschmackvolles Indie-Label; ein Freund, der auch Musiker ist, hat eine Wohnung in Mitte zur Verfügung gestellt bekommen, die angeblich einmal Ludovico Einaudis Bleibe war.

Wir bestellen jeweils einen Teller kalter israelischer Köstlichkeiten. M. berichtet von einem Urlaub in Georgien und von der Clubszene in Tiflis. Wir sprechen über Musik, Naturwein und Austern, deren Verzehr in Deutschland dringend einer Image-Korrektur bedarf. In Südeuropa ist es völlig normal, dass man sich am Marktstand mittags drei bis vier Austern bestellt und im Stehen schlürft, einfach weil man sie mag, und nicht etwa, weil man sich etwas darauf einbildet. Die besten Austern meines Lebens habe ich in Barcelona gegessen, vom Laufband in einem All-You-Can-Eat-Sushi-Restaurant am Hafen, das leider nicht mehr existiert.

In Berlin isst man Austern im KdW oder im Grill Royal und trinkt dazu überteuerten Champagner – dessen Image übrigens auch dringend der Korrektur bedarf, denn in Frankreich ist Champagner ein kleiner Luxus, den sich auch Normalverdiener leisten. Als Studenten haben wir uns im Marais manchmal tagsüber im Café eine Flasche Champagner zu viert geteilt, auch wenn wir dann kein Geld mehr hatten, um abends auszugehen und stattdessen bis tief in der Nacht an unserem Wohnzimmertisch mit Blick auf den Place de la Chapelle saßen, Kronenbourg-Biere tranken und ECM-Platten hörten.

Abends sitze ich am Schreibtisch und schreibe Bandcamp-Texte für Jan, C. liegt im Bett und liest, der Hund zerfetzt eine Papiertuchrolle, dazu läuft das neue Grouper-Album “Shade“. Ich wusste schon damals, als es vor gut zwei Monaten angekündigt wurde, dass im Oktober die richtige Zeit dafür kommen würde.

Berlin, 22.10.2021