Fragen

Vor etwa zehn Jahren entdeckte ich die Lebensphilosophie des Minimalismus und verschlang alle möglichen Blogs und Bücher zum Thema.

Ich begann damit, meinen Besitzstand zu entrümpeln. (Ja, ich war einer dieser Typen mit einem akkuraten Spreadsheet, das alle Gegenstände auflistet, die sich in meinem Besitz befinden.)

Ich begann, die Vorteile dieser Reduktion zu spüren. Nach meinem Kleiderschrank und meiner Plattensammlung durchforstete ich nun auch alle anderen Lebensbereiche auf Überflüssiges:

✅ meinen Terminkalender
✅ meinen Berufsalltag
✅ meine Reisen
✅ meine Ausgaben
✅ meine Beziehungen und Freundschaften
✅ meine Gedanken

Im Zuge dieses Prozesses stellte ich mir viele Fragen und versuchte, sie ehrlich zu beantworten:

👉 Welche Kontakte geben mir Kraft, welche ziehen mir nur Energie ab?

👉 Wieviel sozialen Kontakt brauche und möchte ich überhaupt?

👉 Welche Tätigkeiten bereichern mein Leben nachhaltig, welche dienen nur der Betäubung und Ablenkung?

👉 Welchen Projekten will ich meine Kreativität widmen? Was gibt es für mich dabei zu gewinnen? Geld? Spaß? Lerne ich etwas?

👉 Wie sieht Erfolg aus? Was macht mich wirklich glücklich?

Indem wir die Antworten auf diese Fragen finden und umsetzen, werden wir zur konsequenten Kurator*in des eigenen Lebens. Wir befreien uns von unnötigem Krempel, der unsere Lebenszeit in Beschlag nimmt.

In meinem Buch »Zen Style« geht es auch um diese Praxis, die ich »Alltagskuration« nenne. So sorgfältig wie wir eine gute Playlist zusammenstellen, können wir auch unseren Tagesablauf kuratieren. Dabei ist das Sequencing entscheidend.

Berlin, 25.11.2021

Aussteiger

In meinem ersten Buch »Zen Style« geht es um einen genügsamen Lebensstil in Einklang mit den eigenen Werten, im Gegensatz zu Konsumismus und Erfolgsdruck.

Eine Journalistin fragte mich kürzlich zum Einstieg ins Vorgespräch zu einem Interview, ob ich mich als »Aussteiger« sehen würde.

Meine Antwort lautete: Nein, eigentlich gar nicht. Immerhin lebe ich in der Großstadt Berlin (okay, am Stadtrand), arbeite für einen globalen Tech-Konzern und nehme durchaus am gesellschaftlichen Leben teil (soweit es die Pandemie erlaubt).

Ich mache allerdings sehr vieles nicht, was für andere normal ist: Ich sehe nie fern, gehe nicht auf Parties oder »Events«, trinke nicht und nehme keine Drogen, esse kein Fleisch, habe alle Notifications auf meinem Handy ausgeschaltet, gehe nie »shoppen« und bewege mich nicht auf Social Media (mit Ausnahme der Buchpromophase, ha).

Ob ich deswegen gleich ein Aussteiger bin, weiß ich nicht so recht. Mit dem Begriff hatte ich bisher eher diese Hippie-Höhlenbewohner auf La Gomera assoziiert, oder zumindest den schmuddeligen Wagenburgpapa aus der alten Bausparwerbung.

In »Zen Style« geht es nicht ums Aussteigen aus der Gesellschaft. Was ich geändert habe, ist vor allem meine innere Einstellung. Mehr darüber erfahrt ihr in meinem Buch.

»Zen Style« ist jetzt vorbestellbar.

Berlin, 22.11.2021

Weißer Fleck

In seinem Buch “At the End of the World: A True Story of Murder in the Arctic” zeichnet Lawrence Millman einen Mordfall nach, der sich im Jahr 1941 unter der Inuit-Bevölkerung auf den kanadischen Belcherinseln ereignete. Millman ist ein Reiseschriftsteller aus Massachusetts, ein Umweltschützer und Technologiegegner, der sich zur Bewegung der “Neo-Luddites” bekennt. Empfohlen wurde das Buch von Paul Kingsnorth, selbst Anhänger dieser Philosophie, die sich gegen die Auswüchse moderner Technologie und den allgegenwärtigen Konsumismus wendet.

Um den Mordfall geht es im Buch tatsächlich nur am Rande; vielmehr geht es darum, wie der moderne Technokapitalismus letztlich auch die entlegensten Gegenden der Erde erschließt.

In an email he sent me a year or so ago, Taliriktuk wrote, “Everyone here in Sanikiluaq, they’re all going digital now, and they don’t look at nothing else. Me, too! Haha, I am how you say it screened-in. …”

The subtext of Taliriktuk’s email: the Belcher Islands, extremely remote only a hundred years ago, had become part of Cyberia and are now no more remote than Paris, London, Moscow, New York, Capetown, Tashkent, Albuquerque, or Peoria, Illinois. Of what value is a digital device without a blank spot on the map?

Berlin, 21.11.2021

Sinnflut

In einem Monat ist es endlich so weit.

Mein erstes Buch »Zen Style« erscheint am 20.12.2021. Man kann es jetzt schon überall vorbestellen, wo es Bücher gibt.

Vor gut zehn Jahren führte eine größere persönliche Krise dazu, dass ich mich für Themen wie Minimalismus, Achtsamkeit und Zen-Buddhismus zu interessieren begann.

Eine der größten Inspirationen auf meinem Weg war Michael »Curse« Kurth.

Curse war für mich immer ein Lieblingsrapper – ich halte »Von innen nach außen« für eines der besten Deutschrap-Alben aller Zeiten, »Sinnflut« für hoffnungslos unterschätzt und »Bis zum Schluss« für eines der schönsten Rap-Liebeslieder überhaupt.

Doch Curse ist nicht nur ein großartiger Rapper und Songwriter. Er ist auch praktizierender Buddhist und jemand, mit dem ich jenseits der Musik tiefe Gespräche führen konnte.

Sein Buch »Stell dir vor, du wachst auf« (2018) hat mich bewegt und beeinflusst. Dass Curse mich nun bei meinem Buch unterstützt, bedeutet mir viel. Ein Kreis schließt sich.

Berlin, 20.11.2021

Das Ende der Welt

Am Freitag treffe ich W. in einem Café mit eigener Rösterei in Prenzlauer Berg. W. lebt in London und arbeitet für eine große Plattenfirma, wir kennen uns seit Jahren, haben uns immer wieder getroffen, in Berlin, München oder Brüssel, und ich mag ihn sehr. Er bringt mir kleine Geschenke mit, unter anderem eine Testpressung eines neuen Albums, aber vor allem tut es gut, ihn zu sehen. Anschließend kommt J. in dasselbe Café; ein Arbeitskollege, ebenfalls aus London, der zur Zeit in Berlin Urlaub macht. Ich trinke mit jedem einen großen Becher Filterkaffee, zunächst eine Röstung aus Kenia, später eine aus El Salvador. Dann habe ich Herzrasen und fahre mit dem Rad nach Hause.

Am Samstag bin ich abends mit M. zum ausführlichen Interview für meinen Newsletter verabredet; wir treffen uns in der Wohnung eines Freundes in Mitte. Den Rest des Wochenendes verbringe ich mit der Lektüre von James Rember, “100 Little Pieces on the End of the World”. Rember, ein emeritierter Literaturprofessor, lebt mit seiner Frau Julie ein zurückgezogenes Leben in einer Blockhütte in Idaho. In seinem Buch schreibt er klug und humorvoll über den bevorstehenden Kollaps, der das Ende unserer westlichen Industriegesellschaft einläuten wird:

“People who say that our world isn’t a fatally flawed human artifact, who say civilization will always find plenty of energy, who say capitalism will continue to expand in a world of finite resources, are suffering from the techno-industrial equivalent of Stockholm syndrome. Either that, or they’re all morons.”

“Empathy and asceticism are our only human weapons in a world where industrial civilization moves along, crushing mountains under its feet, melting the planet down and rendering everything it touches into product.”

“Awareness and memory and honest attention to the world: they’re everything that makes life worth living.”

Berlin, 14.11.2021

Kaltes klares Wasser

Die Novemberferien sind vorbei. Am fünften Tag hatte ich gar keine Lust mehr aufzuschreiben, was passiert war, dabei hatte ich ein sehr angenehmes Mittagessen mit T. in Friedrichshain, an den Rest des Tages erinnere ich mich allerdings schon nicht mehr. Das Wochenende habe ich mit Arbeiten für meinen Newsletter verbracht, vor allem Interviews transkribiert und redigiert.

Seit gestern regieren die Google Meets wieder meinen Alltag. Der Welzer ist ausgelesen, jetzt lese ich wieder Byung-Chul Han, diesmal seinen Essay “Müdigkeitsgesellschaft”. Der Hinweis auf Han kam von Ryan Lee West alias Rival Consoles. Auf einen Tipp von Laurel Halo in ihrem Newsletter habe ich mir nun Italo Calvinos “Invisible Cities” in der Bibliothek reserviert.

Seit gut einer Woche haben wir weder warmes Wasser noch Heizung. Am Wochenende sind wir zweimal in ein Schwimmbad im nahegelegenen Plattenbauviertel gefahren, nur um zu duschen. Im Baumarkt haben wir uns zwei elektrische Heizlüfter gekauft, die nun Wohn- und Schlafzimmer heizen. Ich stelle fest: Als Minimalist und Zen-Schüler kann ich auf wirklich vieles verzichten, aber auf die warme Dusche nur sehr schwer.

Berlin, 9.11.2021

Novemberferien (4)

Es regnet den ganzen Tag in Strömen. Morgens um 9 Uhr geht es los, und es hört nicht auf bis in die tiefe Nacht. Ich verbringe sehr viel Zeit vor dem Computer. Am Nachmittag gebe ich einem freundlichen Kollegen ein Interview für ein Magazin, das sich als Zielgruppe an “Männer zwischen 30 und 49” richtet; später führe ich ein weiteres Interview mit einem von mir sehr geschätzten Musiker für meinen Newsletter.

Abends lese ich Byung-Chul Han. In seinem Essayband “Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken” (2014) seziert der koreanisch-deutsche Philosoph den Überwachungs- und Konsumkapitalismus. Den bereitwilligen Mitspieler*innen in diesem System stellt Han im letzten Kapitel die Figur des “Idioten” gegenüber, um die auch Botho Strauß in seinem Buch “Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit” (2013) schon kreiste. Mit dem “Idioten” meinen Strauß und Han keinen schlichten Dummbeutel, sondern im antiken Wortsinn eine Privatperson, die sich nicht an der Öffentlichkeit beteiligt, nicht an der Politik, aber auch nicht an den (sozialen) Medien. Auch Tolstoi erschuf einst in seinem gleichnamigen Roman einen solchen “Idioten” – einen anarchischen Beobachter, der außerhalb der Gesellschaft steht und sich mit ihren Gesetzmäßigkeiten nicht arrangieren mag oder kann.

Ein solcher Außenseiter sei jedoch aus der heutigen Gesellschaft nahezu verschwunden, so Han. Dabei könnte eine solche Lebensform in einer Ära der digitalen “Totalvernetzung und Totalkommunikation” eine effektive Praxis des Aufbegehrens gegen den Überwachungskapitalismus bedeuten.

Angesichts des Kommunikations- und Konformitätszwanges stellt der Idiotismus eine Praxis der Freiheit dar. Der Idiot ist seinem Wesen nach der Unverbundene, der Nichtvernetzte, der Nichtinformierte. Er bewohnt das unvordenkliche Draußen, das sich jeder Kommunikation und Vernetzung entzieht. (…) Der Idiot ist ein moderner Häretiker. Häresie bedeutet ursprünglich Wahl. Der Häretiker ist also jemand, der über eine freie Wahl verfügt. Er hat den Mut zur Abweichung von der Orthodoxie. (…) Der Idiot als Häretiker ist eine Figur des Widerstandes gegen die Gewalt des Konsenses. Er rettet den Zauber des Außenseiters. Angesichts des zunehmenden Konformitätszwangs wäre es heute dringender denn je, das häretische Bewusstsein zu schärfen.

In letzter Konsequenz sei die größte Rebellion gegen eine neoliberale Psychopolitik, die uns zur Dauerkommunikation zwingt, das Schweigen. Han zitiert Gilles Deleuze:

“Der Idiotismus errichtet Freiräume des Schweigens, der Stille und der Einsamkeit, in denen es möglich ist, etwas zu sagen, das es wirklich verdient, gesagt zu werden. (…) Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äußern dürfen, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden.”

Berlin, 4.11.2021

Novemberferien (3)

Vormittags machen wir wieder einen kleinen Familienausflug ins Umland, bis der Hund müde und erschöpft ist.

Den Nachmittag verbringe ich vor dem Rechner, höre Musik, recherchiere, lese und schreibe. Aktuell lese ich Harald Welzers neues Buch “Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens”, und wie fast alles, was Welzer schreibt, ist es großartig. Ein Buch, in dem Die Welt “recyclete Konsumkritik und intellektuelles Teetrinkertum” vermutet, muss wohl nach meinem Geschmack sein. Vor allem das Kapitel, in dem er von dem Herzinfarkt berichtet, den er 2020 erlitten hat, bewegt mich tief und nachhaltig.

Abends allein mit dem Hund zu Hause, sie schläft, ich höre experimentellen Techno über Kopfhörer, nur eine einzige Lichtquelle – mein Macbook-Display – scheint in der Wohnung.

Berlin, 3.11.2021

Novemberferien (2)

Am Vormittag fahre ich mit C. und dem Hund raus aus der Stadt, aufs offene Feld. Wir gehen im Herbstlaub spazieren, nicht weit, denn der Hund muss noch geschont werden.

Am Nachmittag mit dem Rad nach Prenzlauer Berg. Ich treffe H. vor einem meiner Lieblingscafés, und obwohl es kalt und schon fast dunkel ist, sitzen wir draußen und trinken unsere Flat Whites. Ich kenne H. noch aus einer Zeit, als ich in der Redaktion in der Köpenicker Straße saß; er saß in einer anderen Redaktion, in einem anderen Büro im selben Haus, und beschäftigte sich mit anderer Musik und anderen Themen, aber im Prinzip machten wir denselben Job. Heute stellen wir fest, dass wir doch sehr ähnlich musikalisch sozialisiert sind und uns für sehr ähnliche Musik interessieren. Das Wiedersehen ist angenehm, das Gespräch fließt mühelos, und wir versprechen uns zum Abschied, das nächste Treffen nicht so lange hinauszuzögern.

Abends esse ich mit M. beim Inder. Wir sprechen über Musik und Freundschaft und das Leben als mittelalte Großstadtbewohner in Zeiten der vierten Welle der Pandemie. Auf dem Rückweg ist es bitterkalt, zum ersten Mal in diesem Herbst friere ich auf dem Rad.

Berlin, 2.11.2021

Novemberferien (1)

Ich habe diese Woche frei und bleibe zu Hause. Ich habe beschlossen, mich den Tätigkeiten zu widmen, die mich bereichern: Ich werde Ausflüge mit C. und dem Hund in die Natur machen, werde lesen und schreiben, laufen und meditieren und ein paar angenehme Menschen treffen, die ich länger nicht gesehen habe. Und natürlich jede Menge Musik hören.

An meinem ersten Ferientag werte ich vormittags das erste Interview aus, das ich für meinen neuen “Zen Sounds“-Newsletter geführt habe. Natürlich ist es ein Interview mit Jan, alles andere wäre inkonsequent. Es ist ein schönes Gespräch geworden, und ich freue mich schon darauf, es mit meinen Abonnent*innen zu teilen.

Am Nachmittag treffe ich C. im Schillerkiez. Wir gehen bei Nieselregen eine Runde auf dem Tempelhofer Feld spazieren, dann kehren wir in einem Café ein, um uns aufzuwärmen. Wir sprechen wie immer über alles, über Musik und Lebensentwürfe vor allem, aber auch über Michelin-Restaurants in Slowenien, das Vogue-Homestory-Interview mit Adele (niemals ist das wirklich ihr Haus), über den unglaublichen 2021er Run von Overmono und das unglaubliche letzte Album von Skee Mask.

Am Abend höre ich neue Platten durch, voller Vorfreude auf den Rest der Woche.

Berlin, 1.11.2021