Kulturelle Strahlung und Ebay Kleinanzeigen

Da wir gerade ein altes Bauernhaus beziehen, stellte sich irgendwann die Frage nach der Einrichtung. Natürlich hätten wir einfach die Einrichtung unserer Stadtwohnung auf einen LKW laden und in die Landidylle verfrachten können, aber wir hatten das Gefühl, dass dieser Ansatz nicht mehr zu uns passte.

Wir ließen uns inspirieren von der Idee der »kulturellen Strahlung« nach John Seymour – der Selbstversorgungsguru war der Meinung, dass Dinge eine Art metaphorische Radiation abgeben, wenn Menschen Liebe und Mühe in sie investiert hatten. Fabrikneue Möbel hatten nach dieser Theorie denkbar wenig kulturelle Strahlung. Seymour war ein Befürworter von Second Hand und Do It Yourself. Auch der Architekt Frank Lloyd Wright, ein weiteres unserer Vorbilder, liebte einfache Einbau-Holzmöbel, am besten selbstgemacht. Er verachtete die typischen Insignien von Bürgerlichkeit: Wandschmuck und Deko, Teppiche und Gardinen.

Inspiriert von Seymour, Wright und den Bauhaus-Designern begannen wir schon vor einigen Jahren damit, einfache Holzmöbel selbst zu bauen. Hier halfen uns unter anderem die Anleitungen des Berliner Architekten Van-Bo Le Mentzel. Er war mit seinen »Hartz IV Möbeln« bekannt geworden, die man mit Material aus dem Baumarkt und einfachem Werkzeug selbst zusammensetzen kann.

Zu unserem Bauernhaus passten einfache, unlackierte Holzregale besser als weiße Billy- und Kallax-Regale, wie wir sie in unserer Stadtwohnung hatten. Aber wir konnten nicht alles selbst bauen, und wir wollten auch keine neuen Möbel kaufen – nicht nur weil ihnen die kulturelle Strahlung fehlen würde, sondern weil uns das wenig nachhaltig erschien. Also starteten wir ein Experiment. Wir wollten schauen, wie weit wir kommen, wenn wir unser neues altes Haus überwiegend mit Möbeln einrichten, die wir geschenkt bekommen.

Wir verkauften und verschenkten einen Großteil unserer modernen Wohnungseinrichtung, derer wir überdrüssig waren, über Ebay Kleinanzeigen – und binnen weniger Wochen holten glückliche Menschen unser Bett, unsere Schränke und Kommoden ab. Um unsere verbleibenden Dinge zu ordnen und zu verstauen, besorgten wir uns beinahe täglich Obst- und Gemüsekartons aus dem Supermarkt. Diese besonders stabilen Kisten nutzten wir fortan zur Aufbewahrung unserer Kleidung, aber auch vieler anderer Gegenstände. Wir nutzen sie wie Schubfächer in unseren Regalen. Klar, man kann dafür auch passende farbige Plastikkisten im Möbelhaus kaufen, aber das scheint uns geradezu verrückt angesichts der Kosten und Ressourcen, die dabei verbraucht werden.

Nun ging es darum, die neue Einrichtung für unser Bauernhaus zu finden. Ich hatte kurz zuvor einen gebrauchten Transporter gekauft, für den bald bevorstehenden Umzug und die Fahrten zum Baumarkt. Jetzt konnten wir ihn schon anderweitig einsetzen und waren als Freiberufler*innen jederzeit bereit, für ein gutes Ebay-Angebot in den Wagen zu springen und quer durch die Stadt zu fahren. Vor allem hielten wir Ausschau nach alten, abgenutzten Holzmöbeln, die wir abschleifen und aufarbeiten konnten. Bald besaßen wir ein ordentliches Arsenal an Kommoden und Regalen in verschiedenen Größen und Formen, alle aus Naturholz und mit wenigen Beschädigungen.

Aus einer Hinterhauswohnung im Winsviertel holten wir einen vollkommen funktionsfähigen, aber sehr dreckigen Servierwagen, aus dem Keller einer Neubauwohnung am Mauerpark eine massive Tischplatte mit zwei höhenverstellbaren Böcken, aus Blankenburg einen weiteren einfachen Holzesstisch, den man mit einem Schleifgerät und etwas Öl wieder herrichten konnte. Von einer Frau in der Nachbarschaft bekamen wir einen alten Holzschreibtisch geschenkt, den sie bereits in ihrer ersten Wohngemeinschaft hatte. Eine Familie, die sich gerade eine neue Einbauküche gekauft hatte, schenkte uns ihren alten Spülenschrank – sie hatten ihn zwar nicht saubergemacht, aber dafür war er umsonst. Ein junges Pärchen zog gerade in eine neue Wohnung, aber der Vormieter hatte ihnen zahlreiche Holzregale hinterlassen, für die sie keine Verwendung hatten – wir hingegen schon. Bei einer Büroauflösung ergatterten wir mehrere einfache Schreibtische, die künftig als Werkbänke in unserer Garagenwerkstatt herhalten sollten. Zusätzlich holten wir noch jede Menge Restholz aus verschiedenen Kellern, aus dem wir Einbauregale auf Maß schreinern wollen.

Für manche Möbel bezahlten wir zwischen 10 und 30 Euro, das meiste bekamen wir jedoch geschenkt. Manchen Anbieter*innen brachten wir kleine Aufmerksamkeiten mit – eine Packung Pralinen, eine Flasche guten Gin, ein Glas selbstgemachten Holundersirup. Meist freuten sich die Menschen über diese Kleinigkeiten sehr.

Um den Kreislauf am Leben zu erhalten, stellten wir auch selbst noch weitere Dinge zum Verschenken ein. Alles wurde innerhalb weniger Tage abgeholt – all das Zeug, das nicht mit aufs Land umziehen sollte. Denn unser Umzug wird auch eine Verkleinerung unserer Wohnfläche um 30 Quadratmeter bedeuten, auch wenn wir insgesamt natürlich an Lebensraum gewinnen werden, vor allem durch den großen Garten.

Inzwischen haben wir unser Bauernhaus fast komplett eingerichtet. Unser Experiment hat uns gezeigt: Einen großen Teil kann man in einer Großstadt innerhalb weniger Wochen geschenkt bekommen. Man muss nur spontan und flexibel sein und eine Möglichkeit haben, die Möbel schnell abzutransportieren. Die Menschen auf Ebay Kleinanzeigen wollen ihr altes Zeug sofort loswerden. Nicht selten kamen wir am Tag des Umzugs in eine Mietwohnung und es hieß: Alles muss raus. So kamen wir oft noch zu weiteren Möbeln, die die Besitzer*innen gar nicht bei Ebay eingestellt hatten.

Klar ist auch, dass dieser Weg nicht der einfachste und komfortabelste ist. Man muss bereit und in der Lage sein, kleinere Reparaturen und Holzarbeiten selbst vorzunehmen. Und man muss damit einverstanden sein, dass die Dinge nicht neu sind, sondern Gebrauchsspuren haben. Wir aber fühlen uns sehr wohl mit Möbeln und Dingen, die schon eine Geschichte haben. Und nachhaltiger als ein Neukauf ist es auch.

Ich würde großzügig schätzen, dass wir über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten Möbel im Wert von mehr als 1.500 Euro umsonst bekommen haben – und wir haben nur die Stücke abgeholt, die uns wirklich gut gefielen und für die wir eine Verwendung hatten. Manchmal sahen die Stücke in der Realität nicht so gut aus wie auf den Fotos – dann mussten wir etwas mehr Zeit und Mühe investieren als gedacht. Aber bei Vollholzmöbeln gibt es eigentlich kaum einen Schaden, der sich nicht mit ein paar Schrauben, etwas Leim, einem Schleifgerät und viel Holzöl behandeln lässt.

Für unser Bauernhaus haben wir kein einziges Möbelstück neu gekauft. Ein paar Stücke sind aus unserer Stadtwohnung mit umgezogen, aber der Großteil stammt von Ebay Kleinanzeigen. Das Haus ist inzwischen weitgehend eingerichtet, und wir fühlen uns sehr wohl inmitten all der kulturellen Strahlung.

Berlin, 3.12.2022

Simple Living in der Arktis

Der Youtube-Videokanal der DIY-Filmerin Kirsten Dirksen liefert uns seit Jahren viel Inspiration in Bezug auf die Themen, die uns beschäftigen.

Vor einigen Tagen haben wir diesen 30-minütigen Film über ein Paar gesehen, das im zentralen Teil Alaskas lebt, ein gutes Stück von der Kleinstadt Fairbanks entfernt. Auf ihrem einsamen Stück Land haben sie sich zunächst eine kleine Ein-Zimmer-Hütte gebaut, in der sie sieben Jahre gelebt haben. Als sich ihre Familie vergrößerte, errichteten sie eine doppelstöckige Blockhütte. Inzwischen vermieten sie die kleine Hütte an Menschen, die sich in der Wildnis Alaskas erholen wollen.

Vor allem der Vorratskeller unter der Blockhütte hat es uns angetan. Wir erwägen, den Kartoffelkeller in unserem Bauernhaus ähnlich einzurichten. Auch gibt es in einem der Ställe eine Vorratskammer, die wir wiederbeleben werden. In diesem Herbst haben wir sehr viel Obst und Marmelade eingekocht; die Gläser müssen kühl, aber frostfrei gelagert werden. Aber auch abgesehen davon fanden wir in diesem Video viele gute Ideen für ein selbstbestimmtes Leben als Selbstversorger auf dem Land.

Vorpommern, 23.10.2022

Einfach leben wie Mark Boyle

Gerade lese ich ein Buch des irischen Autors Mark Boyle. Boyle wurde bekannt als »The Moneyless Man«, als er 2008 für ein Experiment versuchte, ein Jahr lang ohne Geld zu leben. Tatsächlich gelang sein Experiment – er dehnte es sogar auf drei Jahre aus. Inzwischen wohnt er im ländlichen Westen Irlands, in der Nähe der Stadt Galway, auf einem Permakultur-Kleinbauernhof. Dort hat er sich einer Existenz ohne moderne Technologie verschrieben – er wohnt in einer selbstgebauten Hütte ohne Strom und fließendes Wasser, ohne Internet und Telefon, ohne Computer und ohne Auto.

Mit seiner Lebensgefährtin Kirsty lebt er von einem Jahresbudget, das seiner eigenen Aussage zufolge weit unterhalb dessen liegt, was in Irland als die Armutsgrenze definiert wird. Arm fühlt er sich dabei nicht. Stattdessen hat er eine andere Art von Reichtum entdeckt, in einem einfachen Leben nach der Sonne und den Jahreszeiten, in einer selbstgenügsamen Existenz nach der Art seiner Vorfahren, inspiriert von Bewegungen wie dem Primitivismus oder den Amischen.

Boyle hat diesen Lebensstil nicht gewählt, um den Rest der Welt davon zu überzeugen, seinem Beispiel zu folgen. Trotzdem setzt er sich immensen Anfeindungen aus. Ich bin auf Boyle durch ein Interview mit dem britischen Schriftsteller Paul Kingsnorth gestoßen, dessen Arbeiten ich seit einigen Jahren intensiv verfolge. Eine Passage in dem Interview, in dem Kingsnorth über seinen Freund spricht, fand ich besonders interessant:

[Mark]’s living as simply as he can. And he wrote a series of articles about this for The Guardian a few years back, which were not political at all — they were just talking about his lifestyle and what things he discovered — and the comments from a lot of people were really interestingly angry and defensive, as if they felt personally attacked by this. They’d say, “What would you do if you had to go to hospital?” “I bet you use the dentist!” and “All the rest of us have to pay our taxes so you can live like this —everybody can’t live like that.” And all this stuff. It was very interesting because he wasn’t writing pieces suggesting that anybody else should live like this. It wasn’t a political project he was doing; he was just exploring what it’s like to live without technology. But people felt really threatened by it — really threatened, and they felt they needed to go on the attack, as if everything that they valued was being attacked in itself. (…) There’s a defensiveness where people end up defending the very system that’s cut them off from life. So when they see somebody else living differently, it just makes them inexplicably angry.

Bei mir hat das Interview das Gegenteil von dem ausgelöst, was manche Guardian-Leser*innen empfanden. Nachdem ich in »Zen Style« ausführlich über ein einfaches, genügsames Leben innerhalb der Regeln der modernen Gesellschaft geschrieben habe, fand ich Boyles Art des Aussteigertums unglaublich spannend und wollte mehr darüber wissen. So fand ich einen Beitrag auf Youtube, in dem Boyle ein bisschen mehr über seinen Alltag und die Gründe für seine Entscheidung erzählt, komplett auf moderne Technologie zu verzichten:

Ich empfehle übrigens auch das komplette Interview mit Kingsnorth zu lesen. Sein Newsletter »The Abbey of Misrule« ist eine inspirierende Quelle nonkonformistischer Gedanken zu den großen Themen unserer Zeit. Kingsnorth schreibt darüber, wie ein achtsames Leben innerhalb des modernen techno-industriellen Komplexes gelingen kann, den er nur »die Maschine« nennt. Ich stimme längst nicht mit allem überein, was er schreibt – seine Standpunkte zur Covid-Impfung und seine neu gefundene Begeisterung für die katholische Kirche teile ich keineswegs – aber grundsätzlich finde ich in seinen Texten stets interessante Gedanken, die lange in mir nachhallen.

Sicher haben sie auch meine eigene Entscheidung beeinflusst, mit meiner Familie aufs Land zu ziehen und einen Kleinbauernhof zu bewirtschaften. Unser »einfaches« Leben sieht keinen Verzicht auf Strom oder fließendes Wasser vor, doch wir werden künftig mit Holzöfen heizen und vom Land leben. Trotzdem haben wir auch ein Auto, Smartphones und eine Internetverbindung. Ähnlich wie Boyle werden wir unsere Erfahrungen aufschreiben, auch wenn wir uns nicht als Aussteiger begreifen. Uns geht es nicht um einen Wettbewerb, sondern darum, einen achtsameren Lebensweg als unsere Großstadtexistenz zu finden, der für uns dauerhaft funktioniert. Menschen wie Mark Boyle und Paul Kingsnorth liefern wichtige Inspiration auf diesem Weg.

Boyle schreibt in dem Buch, das ich gerade lese, viel über die Kultur des Schenkens und Tauschens, die er in seiner ländlichen Gemeinschaft wiederentdeckt hat. Tatsächlich haben wir in dem winzigen, entlegenen norddeutschen Dorf, in dem sich unser Kleinbauernhof befindet, bereits ähnliche Erfahrungen gesammelt. Als kürzlich die Birnen in unserem Garten reif waren, hatten wir auf einmal so viele Früchte, dass wir sie niemals alle essen konnten. Also füllten wir mehrere Eimer mit Birnen und verteilten sie unter unseren Nachbar*innen. Jede*r von ihnen brachte den Eimer zurück – allerdings nicht leer, sondern gefüllt mit Äpfeln oder anderen Früchten, von denen sie wiederum mehr als genug hatten. Allein durch diese Geste wuchs unser Vertrauen, dass das Land und die Gemeinschaft dort für uns sorgen werden.

Berlin, 11.10.2022

Flucht aus der Hyper-Realität / In der Natur

In seinem Buch »Hyperreality: How Our Tools Came To Control Us« (2021) vertritt der Journalist Frank Mulder die These, dass wir durch vermeintlichen technologischen »Fortschritt« längst eine virtuelle »Hyper-Realität« entwickelt haben, die wir immer häufiger der analogen Realität vorziehen – mit fatalen Folgen für unsere Menschlichkeit.

Als Ausweg sieht Mulder vor allem das Streben nach echter Gemeinschaft, aber auch Musik, Literatur und Kunst – und nicht zuletzt die wilde Natur, »wo das Leben nicht sauber und optimiert ist und wo wir von einer beeindruckenden Kreativität berührt werden können, die vollkommen umsonst erhältlich ist, die sich ihre Zeit nimmt und die sich nicht aufdrängt.«

Mulder ist kein Technologiefeind aus Prinzip, sondern jemand, der die positiven und negativen Seiten moderner Technologien sorgfältig abwägt. Und jemand, der sich selbst gut genug kennt, um zu wissen, dass er als Mensch anfällig für Süchte und Fehlverhalten ist, die zu einer Entfremdung von seiner natürlichen Umwelt führen.

»Geld, ein Auto, eine Karriere, eine Position, Dinge, Facebook-Freunde, Status, Medien: All diese Sachen sind nicht unbedingt per se schlecht, aber sie haben die Tendenz, dich in eine Falle zu locken, indem sie unverzichtbar werden. (…) Ein sehr einfacher Weg, die Verbindung zur Hyper-Realität für eine Weile zu kappen, ist ein alter Trick: Hör für einen Tag auf zu essen. Es ist kein Zufall, dass Fasten ein sehr wichtiges Element vieler spiritueller Traditionen ist. Wenn ich einen Tag lang bewusst nichts esse, dann spüre ich, wie sehr mein ganzes Leben sich um Komfort dreht und darum, sich gut zu fühlen, wenn auch nur mit Kaffee und Snacks. Das wegzulassen, ist nicht cool, es ist nicht bequem und es macht mich auch ein bisschen traurig. Aber es ist eine sehr einfache Methode, um aus dem Whirlpool auszusteigen, der mich permanent umgibt; um Nein zu sagen zum Lied der Sirenen von allen möglichen Dingen, die mir Befriedigung versprechen.«

Um der »Hyper-Realität« zumindest zeitweilig zu entfliehen, rät Mulder seinen Leser*innen auch dazu, immer mal wieder eine »Auszeit von Anreizen« zu nehmen. Wir brauchen mehr Momente in unserem Leben, schreibt er, wo es keine anderen Menschen gibt, keine Meinungen, keine Nachrichten. Orte, an denen wir nicht abgelenkt oder beeinflusst werden.

»Wir müssen die neuesten Nachrichten nicht kennen. Wir müssen nicht die ganze Zeit online sein. Menschen fragen sich oft, wie ich ein Journalist sein kann, ohne Fernseher und ohne Smartphone, weil sie denken, dass beides notwendig ist, um mit der Welt verbunden zu sein. Für mich ist es genau andersherum. Ich bin nicht Journalist geworden, um den Informationsberg zu vergrößern, sondern ich bin Journalist geworden, um Menschen dabei zu helfen, selbst zu denken. Denken ist einfacher, wenn du den Stecker der Medien ziehst und stattdessen anfängst, mit Menschen zu sprechen, Bücher zu lesen und still zu sein.«

Für mich ist unser Bauernhaus im norddeutschen Hinterland genau ein solcher Ort, an dem ich eine »Auszeit von Anreizen« nehmen und den Stecker der Medien ziehen kann. Stattdessen spreche ich morgens beim fahrenden Bäcker mit den anderen Dorfbewohner*innen und lese abends nach getaner Arbeit ein Papierbuch. Auf den langen Spaziergängen mit meiner Hündin über grüne Wiesen und Felder bin ich sehr, sehr still, und die Hyper-Realität erscheint mir weit, weit entfernt.

Berlin, 5.10.2022

Jahreszeiten im Abgrund

Nach dem Erscheinen meines ersten Buchs »Zen Style« im Dezember 2021 habe ich viele Interviews gegeben, war in Podcasts zu Gast und habe die ganze Zeit fast ausschließlich über mein Buch und mich selbst gesprochen. Davon hatte ich recht bald genug. Ich spürte das dringende Bedürfnis zum Rückzug.

Der Frühling 2022 war merkwürdig. Covid war noch nicht aus unserem Bewusstsein verschwunden. Dann begann Russland einen sinnlosen Krieg in der Ukraine. Millionen Menschen flüchteten nach Europa. Europa reagierte mit Sanktionen, Russland drehte den Gashahn zu. Plötzlich diskutierte man öffentlich über die Möglichkeit von Engpässen im Winter. Es hieß, die Strom- und Benzinpreise würden weiter steigen und die Heizkosten explodieren. Die Stimmung wird seitdem mit jedem Tag apokalyptischer. Die Heizlüfter sind in den Baumärkten ausverkauft.

Ein Teil der Öffentlichkeit scheint langsam zu verstehen, dass unser Leben bald ganz anders aussehen wird als bisher. Ich meine nicht nur jenen Teil, der unbeirrt mit zwei SUVs im Doppel-Carport in Suburbia lebt, zum Frühstück Avocado-Toast isst und zweimal im Jahr Urlaub in der Karibik oder Südostasien macht, sondern auch und gerade die vielbeschworenen »einfachen Leute«.

Ich fühlte mich an eine Passage in meinem Buch erinnert, in der ich von jenem »langen Abstieg« spreche, der unserer westlichen Zivilisation in den nächsten Jahrzehnten bevorsteht. Ressourcenknappheit und Klimawandel sind die Ursachen. Seuchen, Kriege, Massenmigration und extremes Wetter sind die Symptome. Haben wir schon davon gesprochen, wie unglaublich heiß dieser Sommer war? Und dass weite Teile Ostdeutschlands komplett ausgetrocknet oder abgebrannt sind?

Wenn es ungemütlich wird, also in naher Zukunft, werden Großstädte nicht die angenehmsten Orte zum Leben sein. Ich bezweifle inzwischen, dass sie das jemals waren, aber sie hatten in der Vergangenheit durchaus eine große Anziehungskraft auf mich. Wie ich in »Zen Style« auch schon geschrieben habe, sehne ich mich immer mehr nach der Ruhe, die ich aus meiner Kindheit auf dem Land kenne. Der britische Autor und ehemalige Umweltaktivist Paul Kingsnorth, den ich im Buch zitiere, ruft in seinem »Dark Ecology«-Manifest auf zu einem »achtsamen Rückzug«. Für ihn begann dieser mit einem Umzug auf einen Bauernhof in Westirland. Das hört sich für mich gut an.

Während der Pandemie kamen ja viele Städter*innen, die plötzlich im Home Office saßen, auf diese Idee. Schließlich verlangte niemand mehr von uns, in einem Büro aufzutauchen oder bei Meetings körperlich anwesend zu sein. Brandenburgs Dörfer und Kleinstädte stecken inzwischen voller Exilberliner*innen. Auch für uns, also meine kleine dreiköpfige Familie, schien ein dauerhaftes Verlassen der Großstadt auf einmal möglich. Außerdem erschien es uns reizvoll, mehr Zeit draußen zu verbringen, an analogen Dingen zu arbeiten und im Einklang mit der Natur zu leben, im natürlichen Tag- und Nachtrhythmus, vorgegeben von der Sonne, den Jahreszeiten und dem Wetter.

Also haben wir ein kleines, altes Bauernhaus gekauft, in einem extrem dünn besiedelten Gebiet im Norden. Neben dem Haupthaus stehen auf dem Grundstück auch noch eine alte Scheune mit Hühner- und Schweinestall, eine Garagenwerkstatt und ein Holzschuppen. Es gibt einen Garten, in dem wir Obst, Gemüse und Kräuter anbauen werden. Das haben wir auch in der Stadt schon getan, aber auf deutlich weniger Fläche, nämlich einer gepachteten Kleingartenparzelle. Zur Zeit verbringen wir viel Zeit vor Ort mit den Sanierungsarbeiten, die wir aus Kosten- und Nachhaltigkeitsgründen selbst vornehmen. Handwerker findet man ohnehin nicht – alle ausgebucht.

Meine Frau und ich arbeiten an einem Buchprojekt, das unser Experiment mit dem Landleben dokumentieren soll. Diesen Blog möchte ich in nächster Zeit dazu nutzen, um euch schon jetzt mit auf die Reise zu nehmen und dabei auch über die bevorstehende dunkle Periode zu sprechen, praktische Tipps zum Umgang mit den Folgen von Klima- und Energiekrise zu geben, aber auch Literatur und andere Medien zu teilen.

Hier ist genau so Raum für die Poesie von D.H. Lawrence wie für die theoretischen Konzepte der Neo-Ludditen, Ideen zum Energiesparen und Rezepte zum Einwecken von Gemüse. Für mich ist das praktische Resilienz: Kein blindes Einverstandensein, aber eine Akzeptanz der Tatsachen. Keine Flucht, aber ein Rückzug aus der »Maschine«, wie Paul Kingsnorth den techno-industriellen Komplex des Konsumkapitalismus nennt.

Um einen meiner Lieblings-Kollapsologen, den Autoren John Michael Greer, zu zitieren:
»Collapse now. Avoid the rush.«

Berlin, 23.9.2022