Flucht aus der Hyper-Realität / In der Natur

In seinem Buch »Hyperreality: How Our Tools Came To Control Us« (2021) vertritt der Journalist Frank Mulder die These, dass wir durch vermeintlichen technologischen »Fortschritt« längst eine virtuelle »Hyper-Realität« entwickelt haben, die wir immer häufiger der analogen Realität vorziehen – mit fatalen Folgen für unsere Menschlichkeit.

Als Ausweg sieht Mulder vor allem das Streben nach echter Gemeinschaft, aber auch Musik, Literatur und Kunst – und nicht zuletzt die wilde Natur, »wo das Leben nicht sauber und optimiert ist und wo wir von einer beeindruckenden Kreativität berührt werden können, die vollkommen umsonst erhältlich ist, die sich ihre Zeit nimmt und die sich nicht aufdrängt.«

Mulder ist kein Technologiefeind aus Prinzip, sondern jemand, der die positiven und negativen Seiten moderner Technologien sorgfältig abwägt. Und jemand, der sich selbst gut genug kennt, um zu wissen, dass er als Mensch anfällig für Süchte und Fehlverhalten ist, die zu einer Entfremdung von seiner natürlichen Umwelt führen.

»Geld, ein Auto, eine Karriere, eine Position, Dinge, Facebook-Freunde, Status, Medien: All diese Sachen sind nicht unbedingt per se schlecht, aber sie haben die Tendenz, dich in eine Falle zu locken, indem sie unverzichtbar werden. (…) Ein sehr einfacher Weg, die Verbindung zur Hyper-Realität für eine Weile zu kappen, ist ein alter Trick: Hör für einen Tag auf zu essen. Es ist kein Zufall, dass Fasten ein sehr wichtiges Element vieler spiritueller Traditionen ist. Wenn ich einen Tag lang bewusst nichts esse, dann spüre ich, wie sehr mein ganzes Leben sich um Komfort dreht und darum, sich gut zu fühlen, wenn auch nur mit Kaffee und Snacks. Das wegzulassen, ist nicht cool, es ist nicht bequem und es macht mich auch ein bisschen traurig. Aber es ist eine sehr einfache Methode, um aus dem Whirlpool auszusteigen, der mich permanent umgibt; um Nein zu sagen zum Lied der Sirenen von allen möglichen Dingen, die mir Befriedigung versprechen.«

Um der »Hyper-Realität« zumindest zeitweilig zu entfliehen, rät Mulder seinen Leser*innen auch dazu, immer mal wieder eine »Auszeit von Anreizen« zu nehmen. Wir brauchen mehr Momente in unserem Leben, schreibt er, wo es keine anderen Menschen gibt, keine Meinungen, keine Nachrichten. Orte, an denen wir nicht abgelenkt oder beeinflusst werden.

»Wir müssen die neuesten Nachrichten nicht kennen. Wir müssen nicht die ganze Zeit online sein. Menschen fragen sich oft, wie ich ein Journalist sein kann, ohne Fernseher und ohne Smartphone, weil sie denken, dass beides notwendig ist, um mit der Welt verbunden zu sein. Für mich ist es genau andersherum. Ich bin nicht Journalist geworden, um den Informationsberg zu vergrößern, sondern ich bin Journalist geworden, um Menschen dabei zu helfen, selbst zu denken. Denken ist einfacher, wenn du den Stecker der Medien ziehst und stattdessen anfängst, mit Menschen zu sprechen, Bücher zu lesen und still zu sein.«

Für mich ist unser Bauernhaus im norddeutschen Hinterland genau ein solcher Ort, an dem ich eine »Auszeit von Anreizen« nehmen und den Stecker der Medien ziehen kann. Stattdessen spreche ich morgens beim fahrenden Bäcker mit den anderen Dorfbewohner*innen und lese abends nach getaner Arbeit ein Papierbuch. Auf den langen Spaziergängen mit meiner Hündin über grüne Wiesen und Felder bin ich sehr, sehr still, und die Hyper-Realität erscheint mir weit, weit entfernt.

Berlin, 5.10.2022

Jahreszeiten im Abgrund

Nach dem Erscheinen meines ersten Buchs »Zen Style« im Dezember 2021 habe ich viele Interviews gegeben, war in Podcasts zu Gast und habe die ganze Zeit fast ausschließlich über mein Buch und mich selbst gesprochen. Davon hatte ich recht bald genug. Ich spürte das dringende Bedürfnis zum Rückzug.

Der Frühling 2022 war merkwürdig. Covid war noch nicht aus unserem Bewusstsein verschwunden. Dann begann Russland einen sinnlosen Krieg in der Ukraine. Millionen Menschen flüchteten nach Europa. Europa reagierte mit Sanktionen, Russland drehte den Gashahn zu. Plötzlich diskutierte man öffentlich über die Möglichkeit von Engpässen im Winter. Es hieß, die Strom- und Benzinpreise würden weiter steigen und die Heizkosten explodieren. Die Stimmung wird seitdem mit jedem Tag apokalyptischer. Die Heizlüfter sind in den Baumärkten ausverkauft.

Ein Teil der Öffentlichkeit scheint langsam zu verstehen, dass unser Leben bald ganz anders aussehen wird als bisher. Ich meine nicht nur jenen Teil, der unbeirrt mit zwei SUVs im Doppel-Carport in Suburbia lebt, zum Frühstück Avocado-Toast isst und zweimal im Jahr Urlaub in der Karibik oder Südostasien macht, sondern auch und gerade die vielbeschworenen »einfachen Leute«.

Ich fühlte mich an eine Passage in meinem Buch erinnert, in der ich von jenem »langen Abstieg« spreche, der unserer westlichen Zivilisation in den nächsten Jahrzehnten bevorsteht. Ressourcenknappheit und Klimawandel sind die Ursachen. Seuchen, Kriege, Massenmigration und extremes Wetter sind die Symptome. Haben wir schon davon gesprochen, wie unglaublich heiß dieser Sommer war? Und dass weite Teile Ostdeutschlands komplett ausgetrocknet oder abgebrannt sind?

Wenn es ungemütlich wird, also in naher Zukunft, werden Großstädte nicht die angenehmsten Orte zum Leben sein. Ich bezweifle inzwischen, dass sie das jemals waren, aber sie hatten in der Vergangenheit durchaus eine große Anziehungskraft auf mich. Wie ich in »Zen Style« auch schon geschrieben habe, sehne ich mich immer mehr nach der Ruhe, die ich aus meiner Kindheit auf dem Land kenne. Der britische Autor und ehemalige Umweltaktivist Paul Kingsnorth, den ich im Buch zitiere, ruft in seinem »Dark Ecology«-Manifest auf zu einem »achtsamen Rückzug«. Für ihn begann dieser mit einem Umzug auf einen Bauernhof in Westirland. Das hört sich für mich gut an.

Während der Pandemie kamen ja viele Städter*innen, die plötzlich im Home Office saßen, auf diese Idee. Schließlich verlangte niemand mehr von uns, in einem Büro aufzutauchen oder bei Meetings körperlich anwesend zu sein. Brandenburgs Dörfer und Kleinstädte stecken inzwischen voller Exilberliner*innen. Auch für uns, also meine kleine dreiköpfige Familie, schien ein dauerhaftes Verlassen der Großstadt auf einmal möglich. Außerdem erschien es uns reizvoll, mehr Zeit draußen zu verbringen, an analogen Dingen zu arbeiten und im Einklang mit der Natur zu leben, im natürlichen Tag- und Nachtrhythmus, vorgegeben von der Sonne, den Jahreszeiten und dem Wetter.

Also haben wir ein kleines, altes Bauernhaus gekauft, in einem extrem dünn besiedelten Gebiet im Norden. Neben dem Haupthaus stehen auf dem Grundstück auch noch eine alte Scheune mit Hühner- und Schweinestall, eine Garagenwerkstatt und ein Holzschuppen. Es gibt einen Garten, in dem wir Obst, Gemüse und Kräuter anbauen werden. Das haben wir auch in der Stadt schon getan, aber auf deutlich weniger Fläche, nämlich einer gepachteten Kleingartenparzelle. Zur Zeit verbringen wir viel Zeit vor Ort mit den Sanierungsarbeiten, die wir aus Kosten- und Nachhaltigkeitsgründen selbst vornehmen. Handwerker findet man ohnehin nicht – alle ausgebucht.

Meine Frau und ich arbeiten an einem Buchprojekt, das unser Experiment mit dem Landleben dokumentieren soll. Diesen Blog möchte ich in nächster Zeit dazu nutzen, um euch schon jetzt mit auf die Reise zu nehmen und dabei auch über die bevorstehende dunkle Periode zu sprechen, praktische Tipps zum Umgang mit den Folgen von Klima- und Energiekrise zu geben, aber auch Literatur und andere Medien zu teilen.

Hier ist genau so Raum für die Poesie von D.H. Lawrence wie für die theoretischen Konzepte der Neo-Ludditen, Ideen zum Energiesparen und Rezepte zum Einwecken von Gemüse. Für mich ist das praktische Resilienz: Kein blindes Einverstandensein, aber eine Akzeptanz der Tatsachen. Keine Flucht, aber ein vorläufiger Rückzug aus der »Maschine«, wie Paul Kingsnorth den techno-industriellen Komplex des Konsumkapitalismus nennt.

Um einen meiner Lieblings-Kollapsologen, den Autoren John Michael Greer, zu zitieren:
»Collapse now. Avoid the rush.«

Berlin, 23.9.2022